Mit und ohne Weichmacher

Von Matthias Nöther

Dmitri Schostaktowitschs „Jazz-Suite“? Da müsste dann doch jener Walzer erklingen, der auf allen U-Bahnhöfen dieser Welt von Akkordeonisten, Gitarristen, Maultrommlern und Panflötisten zuverlässig durchgenudelt wird. Und richtig: Die vierte Nummer beim ersten Programmpunkt im Kammermusiksaal der Philharmonie ist es dann. Keineswegs klingt das wie aus der Drehorgel, sondern klangfarblich und intonatorisch bestens ausgehört vom zehnköpfigen Ensemble World Brass samt Schlagzeuger. Das hohe Blech ist minutiös aufgefächert in Trompeten, Flügelhorn und Piccolo. Die Posaunisten haben einen der ihren ans klanglich weichere Tenorhorn gesetzt. Es ist alles akustisch so genau abgestimmt, die Instrumente werden von Anfang an so virtuos behandelt, dass man fast vergisst, dass es sich um störrisches, von Natur aus eher ungelenkes Blech handelt.
Der kanadische Posaunist Shawn Grocott aus Kanada weist gleich einmal darauf hin, dass es sich eigentlich gar nicht um die Jazz Suite von Schostakowitsch handelt. Das sollte man sich jetzt einfach mal merken: Die wirkliche Jazz-Suite in der Handschrift des Komponisten wurde erst vor einigen Jahren aus irgendeinem russischen Archiv ausgegraben. Erstaunt stellte man fest, dass der berühmte Walzer gar nicht dabei war. Und handelt es sich bei dieser und anderen sattsam bekannten Nummern überhaupt um Jazz? Nein. Da hätten wir auch schon mal selbst drauf kommen können. In Wahrheit handelt es sich um eine „Suite für Varieté-Orchester“. Wieder was gelernt.
Es ist das 19. Mal, dass die Truppe World Brass, tapsig-humorvoll ins Deutsche mit „Weltblech“ übersetzt, regelmäßig zu Jahresbeginn im Kammermusiksaal der Philharmonie auftritt. 2015 jährt sich zugleich ihr Bestehen – als Ausgründung aus dem Weltorchester der Jeunesses Musicales machten sie sich im Jahr 1995 selbstständig und tourten von da an mit immer neuen Arrangements über die Kontinente. Das virtuos Potpourri-Mäßige, Witzig-Schräge haben sie offenbar in den vergangenen Jahren mehr und mehr abgelegt. Auf dem diesjährigen Programm steht zwar Unterhaltsames, aber zugleich immer auch Anspruchsvolles. Dazu gehört die weithin unbekannte „Far East Suite“, Reiseeindrücke des alten Duke Ellington aus Indien aus den späten 60ern. Das Jazz-Idiom dieser Musik nimmt dem intonatorisch einwandfreien Blechklang der Truppe den Anschein steriler Perfektion. Dass sie technisch die Arrangements noch der schwersten Orchesterliteratur bewältigen, haben sie in früheren Konzerten bewiesen, und dies ist im Zuge des weiterhin steigenden Niveaus auf dem klassischen Blechbläsermarkt heute kein exklusives Signum mehr. Ein Rezept, um über das Attribut der Perfektion hinauszugehen, hört man im Oktett des Freiburger Trompetenprofessors Anthony Plog. Hier werden die „Weichmacher“ der Formation weggelassen: das Horn, die Tuba, das Flügelhorn. Trompeten und Posaunen pur erinnern wieder stärker an ihren Ursprung als herrschaftliche, königliche Instrumente, die in ihrem strengen Klang jedes Anschmiegen an die Ohren der Hörer als Erfindung späteren bürgerlichen Komforts gnädig belächeln.

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