Persönlichkeit in Musik gießen

Von Matthias Nöther

Uzi Wiesel, Vorsitzender der Jury, gibt den Preisträgern des Cello-Grand-Prix „Emanuel Feuermann“ seine Erfahrung mit auf den Weg: „Sie können glauben, dass Sie schneller oder lauter spielen können als alle anderen – es wird irgendwo immer noch einen geben, der schneller und lauter spielt.“ Das einzige, worin sich die jungen Musiker sicher sein könnten: „Sie werden nie spielen wie Emanuel Feuermann – aber Feuermann spielte auch nicht wie Sie.“ Wiesels Forderung an junge Solisten in einer globalisierten Musikwelt mit dem ebenso globalisierten, tendenziell kunstfeindlichen Streben nach Perfektion, nach Spitzenleistungen, ja nach Rekorden: „Seien Sie Sie selbst. Vertrauen Sie auf Ihre Persönlichkeit.“

Feuermann, der Namensgeber des Wettbewerbs ist für das von Wiesel geforderte Selbstvertrauen aufgrund der eigenen Persönlichkeit vielleicht das beste anschauliche Beispiel. Feuermann gilt mit seiner in den 1920er und -30er Jahren bahnbrechenden Virtuosität und seiner musikantischen Spontaneität neben etwa Pablo Casals als einer der Begründer des modernen Cellospiels. Das eigenwillige Foto-Porträt des Solisten, Emblem des Grand Prix, zeigt dies sehr plastisch. Es wirkt auf überraschende Weise unzeitgemäß, wohl weil es Laxheit und Leistungsanspruch in sich zu vereinen scheint: Dieser Mann, obgleich er schon im Alter von 16 Jahren zum Cellolehrer am Kölner Konservatorium ernannt wurde, ist durchaus nicht eins mit seinem Instrument. Feuermanns früh erlangtes musikalisches Selbstbewusstsein als kleiner Bruder eines bei weitem nicht so erfolgreichen Geigen-„Wunderkindes“ ließ ihn auch außerhalb der Musik zu einer charismatischen und selbstbewussten Persönlichkeit reifen – so erzählt es die alte Fotographie. Diese in einem modernen Musikerleben unbedingt notwendige, gründlichen persönlichen Reifung wird heute oft durch das Streben nach absoluter Perfektion behindert. Persönlichkeit in Musik zu gießen wird ohne Lebenserfahrung außerhalb des Instruments kaum möglich sein – auch wenn hier Vertreter gegenteiliger Meinung auf Zehnjährige verweisen dürften, die Beethovens Spätwerk scheinbar mit Bravour bewältigen.

Fabelhaft weich und flexibel begleitet die Kammerakademie Potsdam unter Christoph Poppen die Preisträger des nur alle vier Jahre stattfindenden und von der Kronberg Academy ausgelobten Wettbewerbs. Das passt zu den jungen Leuten, denn die haben eins gemeinsam: einen leichten, spielerischen, nicht auf Kraft und Show ausgelegten Zugriff auf ihr Instrument. Chiara Enderle und Andrei Ionita überzeugen in Schumanns Cello-Konzert mit ihrer Flexibilität zwischen Kantilene und Agilität, Valentino Worlitzsch bannt in dem musikalisch subtilen wie technisch herausfordernden Auftragswerk „Eleven Oblique Strategies for Solo Cello“ einen ganzen Saal mit leisesten Tönen. Schließlich findet im zwischen Leichtigkeit und Rundung schlafwandlerisch balancierenden Ton des ersten Preisträgers Aurélien Pascal, der das Cellokonzert von Ernst Toch spielte, der Grand Prix seinen denkbar würdigsten Abschluss.

flattr this!