Wacker an den Grenzen des Spielbaren

Von Matthias Nöther

Die Musiker, die in der Reihe „Debüt im Deutschlandradio Kultur“ regelmäßig in der Philharmonie auftreten, sind jung – oft sehr jung. Nicht selten haben die Verantwortlichen dieser Reihe mit den gekürten Interpreten, alle in den Mittzwanzigern, ein gutes Händchen bewiesen, haben Solisten ausgewählt, die hernach tatsächlich eine internationale Karriere starteten. Jacqueline Du Pré und Daniel Barenboim, Jessye Norman, Simon Rattle und Tugan Sokhiev zählen zu den in jungen Jahren Ausgewählten.

Es sind dennoch Konzerte mit oft unvorhersehbarem Ergebnis. Denn so vielversprechend die Künstler sind, so sehr wollen sie sich mit durchaus schwierigem, gehaltlich anspruchsvollem Repertoire beweisen, das sie vielleicht noch nie zuvor in solch großem Rahmen, gar mit Orchesterbegleitung gespielt haben. Im Fall der jetzt erfolgten Ausgabe unter Leitung des US-amerikanischen Jungdirigenten Joshua Weilerstein, der hier die künstlerische Verantwortung für das Konzert eines europäischen Spitzenorchesters hatte, war der Abend des Deutschen Symphonieorchesters in der Philharmonie ein echter Drahtseilakt. Das Schlussstück, die Symphonische Fantasie „Francesca da Rimini“ von Peter Tschaikowski, erforderte namentlich zu Beginn ein Höchstmaß an virtuoser Koordination der Orchestergruppen, und obwohl Orchester und Dirigent zu diesem Zeipunkt schon einigermaßen aufeinander eingespielt waren, hatte man nicht das Gefühl, dass außer einer geregelten Organisation der musikalischen Abläufe für den jungen Zeichengeber noch viel möglich war. Die abgeklärte Binnenkommunikation und die kammermusikalische Verschworenheit der Orchestermitglieder allerdings sorgte für ein nicht nur aufregendes, sondern auch erhebendes musikalisches Erlebnis.

Das Konzertstück für vier Hörner und großes Orchester von Robert Schumann ist bereits vom Komponisten so konzipiert, dass es das Solisten-Quartett auf dem zu Schumanns Zeiten erst neu mit Ventil-Technik ausgestatten Instrument an die Grenzen des Spielbaren bringt. Die jungen Absolventen einer Horn-Meisterklasse an der UdK Berlin schlugen sich mehr als wacker – vom extrem hohen ersten Horn Maciej Baranowskis über die Mittelstimmen Peter Müselers und Bertrand Chatenets bis zur tiefen Partie Juliane Greplings gestalteten sie das schwierige Stück tonlich, intonatorisch und spielerisch sehr überzeugend.

Der Höhepunkt des Abends allerdings war der Auftritt der ukrainisch-stämmigen Geigerin Diana Tishchenko, die zur Zeit noch an der Hochschule „Hanns Eisler“ studiert. Das Schostakowisch-Violinkonzert, komponiert im Zeitalter schlimmster stalinistischer Repression, lotet die Extreme geigerischen Ausdrucks bis ins Letzte aus. Tishchenko gibt dieser Musik mit größtmöglicher Plastizität ein Gesicht. Von der verhaltenen, hauchdünnen lyrischen Linie des Beginns über den attackenhaften Protest gegen sowjetischen Antisemitismus mittels eines jüdischen Volkslieds im Scherzo bis zum verzweifelt sich aufbäumenden großen Ton der letzten beiden Sätze scheinen Diana Tishchenko im Innersten ihrer jungen Musikerpersönlichkeit alle Nuancen dieses extremen Werks vertraut.

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