Flug in die Freiheit nach Angst und Zorn

\r\n

Von Matthias Nöther

\r\nDas hat man von Berliner Orchestern schon länger nicht mehr gehört: Ein Programm, das aus Ouvertüre, Solo-Konzert und Sinfonie besteht. Es ist eine Programmdramaturgie wie zu Wilhelm Furtwänglers Zeiten – und noch lange danach, denn gut ist, was sich bewährt hat. Marek Janowski ist als langjährigem Chefdirigenten des Rundfunk-Sinfonieorchesters Berlin der Zwang zur unbedingten Originalität außerhalb der Musik selbst spürbar zuwider. Es ist zwar wohl der gleichmäßigen Länge der beiden Konzerthälften geschuldet, aber es wirkt fast wie ein kleiner ironischer Tritt gegen den derzeit allgegenwärtigen Selbstzwang der Orchester zu einer aufsehenerregenden Programmdramaturgie: Janowski lässt die Ouvertüre am Schluss spielen und die Sinfonie in der Mitte.\r\n\r\nIst es indes nicht schon originell genug, dass im Zentrum des Abends in der Philharmonie die zweisätzige Sechste Sinfonie von Karl Amadeus Hartmann steht? Und ist das Dritte Klavierkonzert von Ludwig van Beethoven in der Interpretation des britischen Pianisten Paul Lewis nicht ein Ohrenöffner, der bestens auf dieses selten gespielte Werk eines immer noch Verkannten hinleitet? Paul Lewis, ein hochgewachsener Nachdenklicher am Klavier, ist das Gegenteil jener Sorte Pianist, die sich einmal eine bestimmte musikalisch-szenische Choreographie für eine Musik und ihren Körper zurechtgelegt haben und diese möglichst perfekt abschnurren lassen. Lewis entscheidet im Augenblick, wie er eine Phrase spielen wird. Das führt namentlich im Rondo zu etwas unüblichen Tempo- und Lautstärkeschwankungen, die allerdings meist vom Orchester sensibel aufgenommen werden. Die Zugabe eines kleinen Schubert-Allegrettos passt gut: Franz Schubert ist der Komponist, der das In-ihn-Hineinhören während des Spiels in seinen epischen Musikstrecken wohl noch großzügiger erlaubt als Beethoven.\r\n\r\nIn sich hineinhörend, kaum mit äußeren Orchestereffekten bedacht ist auch die Hartmann-Sinfonie. Die RSB-Streicher stellen dieses an musikalischen Nebengedanken reiche, manchmal mit dem Ohr nur ahnbare Innenleben möglichst deutlich aus. Wenn sich Hartmann dann im zweiten Satz aus dem Innen der Musik mit extrovertiert-rasanten Streicherfugen jäh an seine Zuhörer wendet, tut er dies mittels einer recht unfreundlichen Musik. Man hört in der Umsetzung dieser 1951 entstandenen Partitur viel an aufgestauter Angst und Zorn einer eigentlich lebenslustigen Künstlerpersönlichkeit, die in der Einsamkeit innerer Emigration viele Jahre lang alles mit sich allein ausmachen musste.\r\n\r\nNicht in der Hartmann-Sinfonie selbst, sondern erst in der „Leonoren“-Ouvertüre wird diese Verhärtung aufgelöst, mit Beethovens freudig-kämpferischem Humanismus – einem Ideal, das zu Karl Amadeus Hartmanns Zeiten nur noch durch seinen unwiederbringlich geglaubten Verlust präsent war. Insofern liegt dem Abend doch eine inhaltliche Dramaturgie zu Grunde, jenseits des bürgerlichen Formal-Prinzips „Ouvertüre-Konzert-Sinfonie“. Janowskis „Leonoren“-Ouvertüre ist denn auch eine besondere. Das Hartmannsche Schicksalsknäuel löst sich in der Freiheitsbotschaft aus einem fernen, klassizistischen Zeitalter auf: Schlank bereits in der sonst oft schicksalsschwer langsam gespielten Einleitung, fliegt Beethovens „Leonore“ samt ihrer Freiheit heischenden Themen im folgenden Allegro-Teil fast davon – dank der luftig-rasanten Spielweise des Rundfunk-Sinfonieorchesters Berlin.

flattr this!