Ist das alles? Das ist alles.

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Von Matthias Nöther

\r\nDer Schluss kann heute, so wie er gemeint ist, einfach nicht mehr überzeugen. Britten ist zuvor über die Länge einer zweiaktigen Oper der bekannten Sage von der schönen römischen Edeldame Lucretia gefolgt, die von dem etruskischen Fürstensohn Tarquinius Superbus vergewaltigt wird und sich daraufhin vor den Augen ihres Ehemannes das Leben nimmt. In der Kunstgeschichte, insbesondere der italienischen Renaissance, ist das Motiv des in archaischer Tierhaftigkeit über die zarte Frau herfallenden Kerls allgegenwärtig – gereizt haben dürfte die Künstler dabei weniger ein irgendwie dramatischer Konflikt, ein auswegloses Problem für die Frau oder auch für den Mann mit seiner Begierde – ein Problem, das im Sinne des klassischen Dramas auszuarbeiten sei. Ästhetisch attraktiv war vielmehr die absolute emotionale Ausnahmesituation der Frau im Angesicht des wie Naturgewalt hereinbrechenden Mannes. Tarquinius kommt in der Kunstgeschichte wie auch bei Britten nicht als denkender, fühlender und erwägender Mensch vor, sondern als rohe phallische Kraft, von Vernunft nicht steuerbar und jenseits aller moralischen Kategorien. Britten lässt diese Geschichte von seinem Librettisten Ronald Duncan im Jahr 1946 ohne jegliche Anflüge von bürgerlichem Trauerspiel erzählen – was gerade das deutsche Publikum, trotz weitgehender heutiger Entfernung von Schiller und Goethe, mit seinem Anspruch auf die „Moral von der Geschicht“, tendenziell irritieren, aber auch faszinieren dürfte.\r\n\r\nBritten scheint am Ende über diese Ungeschminktheit und Trostlosigkeit selbst erstaunt gewesen zu sein. Die beiden Erzählerfiguren, die aus einer christlichen Perspektive auf das antike Geschehen blicken, lässt er fragen: „Is that all?“ Hat das Leiden der unschuldigen, keuschen Lucretia irgendeinen höheren Sinn jenseits ihres ausgehauchten Lebens?\r\n\r\nWenn man in den Begriffen moderner Theaterdramaturgie ohne moralischen Überbau denkt, dann nervt diese Frage ein wenig, ebenso wie die beiden ständig das antike Geschehen betroffen kommentierenden Erzähler – hier in Gestalt der hervorragend singenden Solisten Thomas Blondelle und Ingela Brimberg. Das ist auch für den heutigen Zuschauer weitgehend überflüssig, der sich aufgrund der zur Zeit immer wiederkehrenden Nachrichten von vergewaltigten Frauen und Mädchen in den Kriegsgebieten des Nahen Ostens und Afrikas aus dem Entsetzen kaum noch heraus kommt – und zum Entsetzen gehört auch die zerstörerische gesellschaftliche Norm, der die Opfer nach einer solchen Tat nicht nur, wie Lucretia, in der Antike in den Selbstmord trieb.\r\n\r\nSolche Gedanken im Kopf, ist man in Brittens Stück aufgrund der meisterlich vorwärtstreibenden Dramaturgie und der genial sich anschmiegenden musikalischen Komposition, ähnlich wie im Kino, gefangengenommen von den Ereignissen. Auch die Regisseurin Fiona Shaw tut alles für eine packende Eins-zu-eins-Umsetzung ohne oktroyierte höhere Botschaft. Dass zu Beginn die tote Lucretia quasi als antikes Gemälde ausgegraben und dann zu einer lebenden und leidenden Figur wird, das ist ein wenig aufgeklebtes konzeptuelles Regietheater – für Shaws geradlinig bebildernde Inszenierung auf archäologisch ausgegrabenen antiken Grundmauern spielt es eigentlich keine Rolle.\r\n\r\nTarquinius Superbus wird akzeptabel von dem sehr kurzfristig eingesprungenen Bariton Duncan Rock gesungen – nach Maßstäben des Kinos ist dieser Muskelmann die Idealbesetzung für das testosterongeschwängerte Alpha-Männchen. Auch die anderen Figuren sind ohne umweghafte Hintergedanken der Regie genau nach den Erfordernissen des Plots besetzt: Mit zarter Alabasterhaut und flutendem, präzise fokussiertem Alt Katarina Bradic als Lucretia, mit dem Bass des gutmütigen Bären Andrew Harris als Collatinus, Lucretias Ehemann, mit durchschlagskräftigen Männerstimen und Breitbeinigkeit Seth Carico als römischer General Junius. Eine wirkliche Zierde des Ensembles der Deutschen Oper sind Ronnita Miller und Elena Tsallagova als Amme Bianca und Dienerin Lucia ihre einfühlsam zwischen Lyrik und breit ausgreifender Drarmatik pendelnden Stimmen.\r\n\r\nVom Orchester unter Nicholas Carter her wäre sicherlich ein stärker ins Barocke gehender, schlankerer, historisierender Klang angemessen gewesen, denn mit diesem wollte Britten wohl den Abstand der Altertums-Handlung von der Moderne unterstreichen. Doch als Gegenleistung für diesen Mangel lässt das solistisch besetzte Kammerorchester aus Musikern der Deutschen Oper im Graben des Hauses der Berliner Festspiele Benjamin Brittens transparent geschriebene Partitur besonders farbenreich erklingen.

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