Sight listening in der Philharmonie

\r\n

Von Matthias Nöther

\r\nSie hören wohl keine 20 Sekunden am Stück zu. Aber selbst die vier US-Touristen, die das Konzert zum Mauerfall ganz offensichtlich nicht als Aufführung klassischer Musik, vielleicht noch ein bisschen als nationale Festveranstaltung eines fernen Landes, ganz sicher aber hauptsächlich als ethnologische Europa-Studie betrachten und ihre Augen von einer Ecke der Philharmonie-Decke zur anderen schweifen lassen –  auch sie spüren, dass in dieser Musik etwas besonderes im Gange ist und halten immer wieder im Frisuren-Richten inne. Es ist eine betörende musikalische Geste vom Geschmack der philharmonischen Konzertdramaturgie: Von außen betrachtet eine kühle lineare Struktur, in welcher verschiedenste Instrumenten-Kombinationen nüchtern ausgestellt werden – aus dem Inneren heraus ein Glühen der verschiedensten Klangfarben, wirkungsvoll die formidablen Bläsersolisten in Szene setzend. Ausgenommen die Sopranistin Sally Matthews, die die klaren Linien zuweilen durch ein zu starkes Tremolo stört, überzeugen die Solisten Bernarda Fink und Hanno Müller-Brachmann durch ein völliges Aufgehen im Klang des Orchesters.\r\n\r\nFür ein Festkonzert aus politisch-historischem Anlass handelt es sich zunächst um eine ungewöhnliche musikalische Disposition: Karol Szymanowski hatte wohl in keinem Moment eine Art von politischer oder weltanschaulicher Repräsentation außerhalb des Musikalischen im Sinn, als er im Jahr 1924 daran ging, ein „Stabat Mater“ zu komponieren. Szymanowski war erklärter Atheist, in seinem Heimatland Polen damals sicherlich kein geringer Skandal. Den größeren Skandal wird das „ungläubige“ Komponieren eines christlichen Textes gemacht haben – zumal in polnischer Sprache. Es spricht dann irgendwie doch, sehr polnisch, die emotionale Nähe zur verkündeten Botschaft aus der in kühlen Linien gehaltenen Musik. Aus ihr tritt uns ein Polen des 20. Jahrhunderts entgegen, verpflichtet noch in den avanciertesten Ausflügen einer unmittelbar zu Herzen gehenden künstlerischen Sprache – unser Nachbarland, welches durch seine Solidarność-Bewegung in den 80er Jahren erstmals eine Aufweichung der bedingungslosen Ost-West-Konfrontation herbeiführte und vielleicht wie keine andere Nation initial die friedlichen Proteste in der DDR vorbereitete.\r\n\r\nVielleicht ist ihrerseits Beethovens Neunte Sinfonie in der Interpretation Rattles und der Philharmoniker über die Jahre tatsächlich zu einem Fest- und Touristen-Stück geworden, dessen Besonderheit man auch dann versteht, wenn man sich, ob Sonntagsredner oder Berlin-Besucher, in der Philharmonie an besonderem Ort wähnt und eigentlich mit anderen Dingen – etwa dem Smatphone-Chat mit Daheimgebliebenen – beschäftigt ist. Simon Rattle setzt auf stärkstmögliche Intensität der Wirkung, baut diese auf einem rauhen, historisierend anmutenden Klang auf. Es wird nicht besonders präzise, aber eindringlich und mit viel Freiheit für die Einzelmusiker gespielt. Gerade in den langsamen dritten Satz sucht das Orchester den Hörer wie in einen nicht nachlassenden Sog hineinzuziehen, keine Phrase steht für sich, alles hat eine Richtung. Nach einem intonatorisch misslungenen „Oh-Freunde“-Rezitativ Hanno Müller-Brachmanns verblüfft im Tutti-Freudentaumel des finalen „Freude schöner Götterfunken“ vor allem der Rundfunkchor, der selbst im Angesicht dieser aus humanistischen Ideen geschmiedeten, im Grunde unsanglichen Partitur Beethovens niemals seinen weichen, transparenten Grundklang aufgibt.

flattr this!