Herrschaftsfreie musikalische Kommunikation

\r\n

Von Matthias Nöther

\r\nDer Saison-Schwerpunkt bei Komponisten der Sowjetunion fordert dem Konzerthausorchester einiges ab. Das ist wohl gewollt, und vom Klangkörper – man hörte es kürzlich in der souveränen Aufführung der höllisch schwierigen vierten Schostakowitsch-Symphonie – ist es auch gekonnt. Nun steht Sergej Prokofiews Fünfte in B-Dur auf dem Programm, dirigiert von dem Finnen Osmo Vänskä. Erstaunlich, mit welcher Sicherheit das Orchester sich seinen Weg durch dieses ihm sicherlich nicht allzu bekannte Riesenwerk fräst, die Solisten in den zahlreichen völlig offen liegenden Einsätzen mutig drauflos spielen und gerade so die zur Schau gestellte Unbekümmertheit, das öffentlich aufgesetzte Jubelgesicht eines Komponisten nachzeichnen, der an seinem Land resignierte. Anfang 1945 wurde die Symphonie in Moskau unter Leitung Prokofiews uraufgeführt, die Nachrichten vom Vormarsch der Roten Armee nach Deutschland unterbrachen das Konzert mehrmals. Deshalb war man später stets versucht, die Symphonie ebenfalls als apologetischen Kommentar zum Sieg der Sowjetunion zu sehen. Gewiss, es gibt weit trotzigere Werke Prokofiews. Doch das Heroische, das hört man auch im Konzerthaus, mutiert oft so sehr zur ironischen Fratze, dass man an einen devot erfüllten Propaganda-Auftrag Prokofiews kaum glauben mag.\r\n\r\nIn dieser sowjetischen Programmreihe am Gendarmenmarkt ist der Hörer wie kaum sonst angehalten, sich in die historische Situation der Komponisten hineinzudenken. Im Jahr 2014 ist das keine leichte, aber eine interessante Aufgabe. Es mag in Berlin eine Generation von Klassikhörern geben, welche sowohl die ästhetische Doktrin des Sozialismus als auch die unterschwellige Kommunikation der entsprechenden Künstler mit ihrem Publikum noch nachvollziehen kann. Für sie und für alle anderen ist es gut, dass im Konzerthaus nun sowjetische Werke verschiedener Epochen, aber eben doch vergleichbarer politischer Vorzeichen – in diesem Konzert Schnittke, Prokofiew und Schostakowitsch –zusammengeschlossen werden. Denn das Publikum als Ganzes hört zwar gewiss nicht mehr sämtliche Feinheiten, alle Anspielungen des musikalischen Gehalts. Das Publikum hört jedoch einen gemeinsamen kompositorischen Ansatz, der sich fundamental von aller westlichen Musik unterscheidet. Wir merken am Beispiel des Klavier-Streichorchester-Konzerts von Alfred Schnittke, wie sehr die Westeuropäer von Wagner bis Stockhausen ihre Wurzeln – Bach, Mozart, Beethoven – zu verschleiern versuchten, während Schnittke dieses Erbe im Jahr 1979 auf dem Seziertisch ausbreitet, um es vor den Ohren des Hörers auf die deformierte Gegenwart hin buchstäblich zu verrücken. Wir merken dies auch beim 27-jährigen Schostakowitsch von 1933, der in seinem völlig unklassizistischen Klavierkonzert noch bissig eine virtuose Kadenz für Klavier und Trompete à la Beethoven anhängt. Der Pianist Denys Proshayev und der Trompeter Gábor Boldoczki sind dem Konzerthausorchester Partner, die diese Musik mit der gebotenen Nüchternheit und Detailschärfe vorführen. Weitere Werke der Sowjetunion-Reihe im Konzerthaus erwartet man nach diesem Konzert mit höchster Neugier.

flattr this!