Archaik, hochglanz-lackiert

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Von Matthias Nöther

\r\nNein, sagt Dorte Weishaupt-Moinian, erkannt habe sie ihr Instrument nicht auf dem Podium. So ist es auch gedacht bei der „Klangprobe“, dem Höhepunkt der alljährlichen „Klanggestalten“-Ausstellung in Berlin. Achtzehn Streichinstrumente der jeweils gleichen Gattung – Geige, Bratsche oder Cello – liegen auf der Bühne des Radialsystems auf Tischen, welche mit blauem Samt ausgelegt sind. Die Instrumente sind nagelneu, der Geruch von frischem Lack füllt den dämmrig beleuchteten Raum. Jeweils ein namhafter Streicher seines Fachs spielt der Reihe nach die 18 Instrumente kurz an – bei den Bratschen, welche die „Instrumente des Jahres“ sind, ist es in diesem Jahr der Nürnberger Bratschenprofessor Andreas Willwohl. Er weiß ebensowenig wie die Instrumentenbauer, wessen Bratsche er gerade spielt. Erst nach der Klangprobe werden die Namen der Instrumentenbaumeister bekanntgegeben.\r\n\r\nFür den Spieler ist das eine ungewohnte Laborsituation: Er muss das Instrument nehmen, wie es ist, kann sich kaum auf Eigenheiten einstellen – und das, obwohl er vor gespanntem Auditorium in einem Konzertsaal steht! Unterschiede treten auf diese Art ziemlich krass und selbst für die Erbauer oft höchst ungewohnt hervor. Einige Instrumente klingen plötzlich unangenehm näselnd-bratschig, andere dunkel und kaum durchdringend. So ist es auch plausibel, dass die Instrumentenbaumeisterin Dorte Weishaupt-Moinian aus Schwerin ihre eigene Bratsche nicht unter den achtzehn Violen heraushören kann. Wie für die anderen Instrumentenaumeister der Gruppe „Klanggestalten“, die sich vor 16 Jahren erstmals zusammengetan haben, ist die Ausstellung in Berlin für auch für Weishaupt-Moinian ein Höhepunkt des Jahres. Es geht hier nicht in erster Linie um Kundenbindung, und es geht nur mittelbar ums Geldverdienen – zuallererst einmal tauscht man sich untereinander aus. Auch wenn die äußere Form der Instrumente sich seit Jahrhunderten nicht geändert hat, fast von einer archaischen Altertümlichkeit ist, so haben sich doch die Fertigungsprozesse sehr gewandelt, werden zahlreiche Bauteile von Zulieferern hergestellt. Nicht alles macht der Meister, die Meisterin selbst. Sie konzentrieren sich mehr als früher auf die wesentlichen Fragen, und die haben sich tatsächlich kaum geändert. Auch heute geht es noch darum: Aus welchen Tälern kommt das Holz? Wie und wie lange ist es gereift? Wie verändert es sich?\r\n\r\nDas Publikum kommt von überall – und es sind durchaus nicht nur Streicherprofis. Das abendliche Konzert allerdings wird dann von echten Könnern bestritten: Bratschenstudentinnen und Studenten des Philharmonikers Winfried Strehle. „Die Studenten haben hier die einzigartige Gelegenheit, sich auf neue Instrumente einzustellen“, sagt der UdK-Bratschenprofessor. „Und sie bekommen auch die Gewissheit, dass man heutzutage mit modernen Instrumenten gut leben kann – was man früher nicht glaubte – die schon enorme Qualitäten haben und trotzdem bezahlbar sind.“\r\n\r\nEs müssen nicht immer Guarneris oder Stradivaris für teils sechsstellige Beträge sein – eine neugebaute Geige oder Bratsche für rund 25.000 Euro tut es auch – jedenfalls eine der „Klanggestalten“-Meister. Das erste Konzert am Freitag abend auf der großen Bühne des Radialsystems wurde zum eindrucksvollen Schaulaufen von zwölf Instrumentenbaumeistern.

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