Wüst, leer, zart-naiv

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Von Matthias Nöther

\r\nIm Mittelpunkt des Konzerts soll natürlich der Kreuzchor selbst stehen – jener aus einer mittelalterlichen Lateinschule an der Dresdner „capella sanctae crucis“, der heutigen Kreuzkirche hervorgegangene legendäre Knabenchor. Dirigent des Abends im Konzerthaus ist der langjährige Leiter des Chores, der Kreuzkantor Roderich Kreile, der mit einer übergroßen, ganzkörperlichen Zeichensprache die singenden Jungen auf den richtigen Weg für Josef Haydns „Schöpfung“ zu bringen sucht. Für das Konzerthausorchester ist bei einem Repertoirestück diese dirigentische Vermittlung auf den ersten Blick etwas peinlich übertrieben, und doch ist das Ergebnis eine phänomenal einheitliche Interpretationsleistung aller Beteiligten vom ersten bis zum letzten Takt.\r\n\r\nDie Gastgeber am Gendarmenmarkt nehmen den Abend in Angriff, ohne ihn im Geringsten zu so etwas wie einer Pflichtveranstaltung zu Ehren eines berühmten Gastes verkommen zu lassen. Schon am „wüsten und leeren“ Beginn des Oratoriums vor Entstehung der Welt lässt sich die jahrelange intensive Arbeit des Konzerthausorchesters mit den Mitteln der historischen Aufführungspraxis bestaunen. Vibratolos schneidend kriechen die Streicherstimmen aus dem Nichts des Universums hervor, scheinbar unvermittelt legen sich die Elemte übereinander. Historisch informiertes Spiel bedeutet hier wirklich einen Zugewinn auf der Ebene des musikalischen Inhalts: Eine Welt entsteht ohne das Pathos von Kultur- und Bibel-Auslegungsgeschichte. Denn wo Nichts ist, sollte auch kein Pathos sein.\r\n\r\nDem gleichen Gedanken scheint der Knabenchor an der gleich folgenden Schlüsselstelle des 1798 vom 66-jährigen Haydn komponierten Erfolgs-Oratoriums zu folgen: Der C-Dur-Aufklärungsakkord auf „Und es ward – Licht“ über dem Fortissimo des Orchesters wird vom Chor völlig ohne Bedeutungsschwere, fast mit so etwas wie einer zarten Naivität gesungen. Das gestisch-musikalische Gemache um den Fackelschein des Geistes, wie es in Aufführungen oft stattfindet, ist stets eine gedankliche Belastung für das Haydn-Stück, eine Belastung, die dem Musizieren selbst nicht gut tut. Das kann man in den zahllosen Laienchor-Aufführungen der „Schöpfung“ erleben.\r\n\r\nNein, diesem Oratorium muss man sich zunächst mit genuin musikalischem Wissen, nicht mittels der intellektuellen Überhöhung des stolzen Kulturbürgers nähern, und so geschieht es. Von den drei erwachsenen Solisten stammen immerhin zwei aus dem sächsischen Umfeld des Kreuzchors. Der Bass Andreas Scheibner, vor langer Zeit ebenfalls Kruzianer, ragt als Erzengel Raphael aus diesem Ensemble mit seinem textfokussierten, hell timbrierten Stimme heraus, doch auch die Sopranistin Barbara Christina Steude als Gabriel und der Tenor Virgil Hartinger überzeugen mit ihrer konzentrierten stimmlichen und textdarstellerischen Leistung. Mit Bildhaftigkeit und einem leichten Humor, der wie selbstverständlich aus den musikalischen Erscheinungen entsteht, lassen die Sänger in den heiklen Rezitativen Erde, Wasser und Luft, Flora und Fauna entstehen. Haydn wird eher als getreuer und kongenialer Erbe der barock-standardisierten Figurenlehre denn als abgebrühter „Klassiker“ erlebbar. Mit so erfrischender Kraft darf die Entstehung der Welt gerne auch mal im Oktober stattfinden.

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