Auf den Spuren von Kurt Sanderling

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Von Matthias Nöther

\r\nDer erste Auftritt im Konzerthaus nach der verlängerten Sommer-Schließzeit gehörte dem Pianisten Arcadi Volodos. Der 1972 geborene Solist firmiert am Gendarmenmarkt als Artist in Resicence der nun beginnenden Saison 2014/15. Sowohl der Solist als auch das Programm setzen ein starkes Zeichen. Gewiss, im Laufe der Spielzeit sind dezidierte Themen-Schwerpunkte geplant, die sich eher am internationalen Publikum orientieren: eine Reihe zu Ehren von Nikolaus Harnoncourt, ein Mozart-Marathon sowie ein Festival „Berlin der 20er Jahre“. Mit dem B-moll-Klavierkonzert von Peter Tschaikowski, gespielt von dem St.-Petersburger Volodos, sowie mit der Vierten Symphonie von Dmitri Schostakowitsch orientiert sich das Konzerthausorchester jedoch deutlich und explizit an seiner eigenen, seiner Ost-Berliner Geschichte, seinen Gründungsjahren unter dem Sowjetunion-Remigranten Kurt Sanderling.\r\n\r\nArkadi Volodos etwa repräsentiert die russische Klavierschule an diesem Abend im berühmten Tschaikowski-Konzert mit einer altmodischen und gerade deshalb faszinierenden Kraft. Der beleibte Mann kann den Steinway mühelos zum Dröhnen bringen. Doch nicht in diesen Augenblicken spürt man die archaische – und, ja, wohltuende – Männlichkeit seines Musizierens, sondern eher dann, wenn er mit den Pranken eines Bären umsichtig und sensibel die schnellen, leisen Arpeggien ausspielt, ihnen stets zu maximaler Transparenz verhilft. Es ist eine altertümliche und ganz russische Art des Musizierens mit Orchester, vergleichbar einem Svjatoslaw Richter, der im Dickicht des virtuosen Passagenwerks durchaus mal die eine oder andere Note verlor, der aber den Sinn des Zuhörers um so mehr dafür schärfte, wie wichtig das große Ganze ist. Dies sind sowohl die Liga als auch die künstlerische Haltung, in der Arkadi Volodos zu Hause ist.\r\n\r\nEs ist zu vermuten, dass der Dirigent Andrey Boreyko im Hinblick auf das Dirigat von Schostakowitschs Vierter verpflichtet wurde. Die großbesetzte Symphonie, ein rekordhaft unfreundliches, unwirtliches musikalisches Gleichnis von Unfreiheit, Zwang und Gewalt, wollen auch heutzutage nicht viele Orchester spielen, und entsprechend gibt es nur wenige Pultstars weltweit, die Erfahrung damit haben. Verwunderlich in Zeiten, in denen die Symphonien von Schostakowitsch Standardrepertoire sind, verwunderlich jedoch nicht für den, der dieses monströse Stück einmal gehört hat. Das Konzerthausorchester, vom Schostakowitsch-Adepten Sanderling gegründet, will zeigen, dass es Schostakowitsch etwas näher ist als andere. Es muss also in den ganz sauren Apfel beißen und die Vierte spielen, die wegen ihres krassen Widerspruchs zur stalinistischen Doktrin der Volksnähe von Musik kurz vor der geplanten Uraufführung 1936 verboten wurde. Schon allein deshalb hat der Komponist nie wieder Musik dieser Art geschrieben.\r\n\r\nBoreyko und das Konzerthausorchester zeigen in den brutalen Märschen, der gespenstisch flirrenden Streicherfuge des ersten Satzes, den nackt plärrenden Bläsersoli und dem immer wieder hereinbrechenden Schlagzeuglärm eine Souveränität, die keineswegs zu erwarten ist. Unerwartbar ist jedoch auch, dass sich die Interpreten eigentlich auf die leisen Stellen des Stücks konzentrieren. Hoffnung und Glück gibt es nicht in der Vierten, und doch hat Schostakowitsch dafür gesorgt, dass man die Erinnerung an diese Momente des Lebens behält. Boreyko und das Konzerthausorchester sind gemeinsam in der Lage, dies zu zeigen.

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