Keine Sehnsucht nach dem goldenen Zeitalter

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Von Matthias Nöther

\r\nEs hat wohl keine Zeit gegeben, zu welcher die Idee eines goldenen Zeitalters, eines Zeitalters, in welchem es noch echte Werte und echte Gefühle gab, stärker forciert wurde als im 19. Jahrhundert. Der große Erfolg und zugleich der gesellschaftliche Skandal, den Jacques Offenbach im Jahr 1864 mit seiner Operette „Die schöne Helena“ entfachte, bestand vermutlich darin, dass er die Idee dieses goldenen Zeitalters nicht akzeptierte. Offenbachs Berliner und Pariser Mitbürger trennten, in einer popularisierten Variante romantischen Gedankenguts, streng zwischen Echtem und Unechtem. Unecht war die Gegenwart mit ihrer bürgerlichen Arbeits- und Warenwelt sowie den höheren und niederen Formen der unterhaltenden Ablenkung davon – echt waren der Faltenwurf der altgriechischen Gewänder, das Bärenfell von Siegfried und, ach ja, die Sprache Homer, die die allermeisten allerdings nur aus Übersetzungen kannten.\r\n\r\nHeutige Großstadtbewohner sind da nicht schlauer, aber nüchterner. Der Gedanke an ein goldenes Zeitalter reicht bei uns nicht in die Antike zurück, sondern nur irgendwo in die siebziger Jahre des vorigen Jahrhunderts. Wegen der besseren sozialen Absicherung. Das stimmt auch uns manchmal sehnsüchtig, aber da viele von uns sich, im Gegensatz zur Antike, an diese Zeit noch etwas differenzierter erinnern können, trösten wir uns – und dieser Gedankengang ist ziemlich konträr zum Goldenes-Zeitalter-Sehnsuchtskonzept – mit dem Satz, dass früher auch nicht alles besser war, jedenfalls nicht echter.\r\n\r\nDas Publikum des Pariser Théâtre des Varietés im Jahr 1864 wusste vermutlich nicht mehr, wo ihm der Kopf stand, als „Die schöne Helena“ über die Bühne ging. Es war eine radikale Antiken-Travestie, eine völlige Entillusionierung des goldenen Zeitalters. Die Geschichte vom trojanischen Krieg war das einzige, woran man sich in dieser Show als an „etwas Echtem“ festhalten konnte. In der Musik von Offenbach ging das nicht. Diese Musik akzeptiert nicht nur in keinem Augenblick die erhabene Aura der Antike, sie macht auch keinen Unterschied zwischen hohem und niederem Theaterton. Bei Offenbach stehen lyrische, durchaus an Wagner geschulte Szenen mit Weh und Ach und Oh eng neben Can Can, Walzer und Marsch. Das damalige Publikum gab irgendwann sinnenfroh auf, dies auseinanderzuhalten, und wir Heutigen können es erst recht nicht, aber wir finden diese Melange oft auch nicht mehr komisch. Für uns muss niemand die Simulation des goldenen Zeitalters und der großen Gefühle als unecht entlarven.\r\n\r\nIn der Inszenierung der „Schönen Helena“ an der Komischen Oper ist dies die Herausforderung, die den Regisseur Barrie Kosky auf Trab hält und ihn mitsamt seinem Ensemble rotieren lässt wie nie zuvor. Die einst skandalöse Mischung von Unechtem und vermeintlich Echtem wird für uns noch einmal zugespitzt.\r\n\r\nDie Geschichte des trojanischen Kriegs wird bei Offenbachs Liberettisten Meilhac und Halévy aus einer etwas anderen Perspektive erzählt als bei Homer. Sie spielt im Haus des Königs Menelaos von Sparta, des Helena-Ehemanns. Der Schäfer Paris hat soeben, so will es die Troja-Sage, auf dem Berg Ida die Göttin Venus bei einem Schönheitswettwerb zur schönsten Göttin erklärt und von Venus zum Lohn die schönste Frau der Welt versprochen bekommen – Helena. In Helenas Heimat Sparta kreuzt Paris daraufhin in Gestalt des strahlkräftigen lyrischen Tenors Tansel Akzeybek als Marlboro-Cowboy mit Sonnenbrille und Mundharmonika auf. Die nun aufziehende Romanze versucht nicht in Ansätzen, echtes Gefühl zu imitieren, sondern ist bei Offenbach wie an der Komischen Oper reine Comedy.\r\n\r\nDie schöne Helena in Gestalt von Nicole Chevalier ist Show-Type pur, die als erste Einlage nicht vorhandene Fenster putzt, samt Geräusch-Imitation von Sprühflasche und Putzgequietsche auf Glas. Es kommt kaum ein Satz aus ihrem Mund, der nicht von irgendeiner zungenakrobatischen Einlage oder einem Kunststück unterbrochen wird. Oder von einem fetzenhaften Allgemeinplatz in Chevaliers englischer Muttersprache. Der häufigste: Don’t speak. Das könnte als ein Motto des Abends verstanden werden: Wir befinden uns nicht im Sprechtheater, wo eine komplizierte Handlung durch das gepflegte Wort übersichtlich entwickelt werden soll, sondern in der Operette. Hier pflegt man das Chaos.\r\n\r\nNicht nur Nicole Chevalier als Helena und Tansel Akzeybek als schöner Schäfer Paris helfen bei Herstellung des funkelnden Chaos, sondern auch der Bass Stefan Sevenich als machtgeiler Oberpriester Kalchas. Er ist vielleicht das Herz dieser rasanten Inszenierung. Sevenich ist mit seinem durch Maske und Kostüm maximal verfetteten Körper und Gesicht der Garant eines Tempos des Normalbürgers, der allerdings mit den auf Rollschuhen vorbeiziehenden Soldaten, den hinterteilschwingenden Tänzern und den ständig durch Palazzo-Flügeltüren heraus- und hineinrennenden Sängerdarstellern nicht mithalten kann.\r\n\r\nMittels dieser Darsteller einschließlich des agilen Chores gelingt es Kosky, einen aufwändigen Opernapparat im Dienste Offenbachs wendig und spontan wie ein Ein-Mann-Orchester zu führen. Es geht Kosky vor allem darum, noch virtuoser als Offenbach selbst zwischen dem Echten und dem Unechten zu wechseln. Stärkstes Instrument hierfür ist das Orakel des Kalchas – ein riesiges verbeultes Grammophon. Aus ihm tönen, vom CD-verwöhnten Publikum sofort als historische Pappmachée entlarvt, die Klänge der „wahren“ Liebe: Zitate aus Wagners „Tristan“, den Wesendonck-Liedern. Das Orchester unter Henrik Nánási setzt dem in kleiner Besetzung vollendet ausgehörte, kantable Linien entgegen, die eigentliche „Echtheit“ Offenbachs. Die Musiker im Orchestergraben dürfen die Ernsthaftigkeit der hohen Muse noch zusätzlich entlarven, indem sie die Taube der Venus mit Gustav Mahlers Sechster Symphonie unterlegen und den Auftritt eines ziemlich albernen Agamemnon mit einem schicksalsdräuenden Ruf aus Richard Strauss’ Oper „Elektra“. Das Feuerwerk in der Inzenierung besteht gewiss auch aus der von Kosky bekannten Travestie und veralberten Erotik, sie besteht an diesem Abend aber auch in einem Dauerfeuer musikalischer Bildungszitate. Diese sollen – so will der Intendant die mutwillige Verwüstung des goldenen Zeitalters durch den Komponisten für uns noch einmal greifbar machen. Das wirkt sehr unterhaltsam, für ein Opernensemble bahnbrechend virtuos, zuweilen aber auch ein wenig angestrengt, atemlos.\r\n\r\nDen Hang zur Atemlosigkeit sagte man der Offenbach-Operette auch schon nach, bevor Kosky Opernintendant in Berlin wurde. Doch diese Inszenierung der „Schönen Helena“ an der Komischen Oper wirkt so, als müsste Barrie Kosky seinem Berliner Publikum die Attraktivität des Genres Operette immer noch erklären.

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