Lieblingsziege konzertant

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Von Matthias Nöther

\r\nGiacomo Meyerbeer sollte, neben Richard Strauss, der Komponist des Jahres 2014 sein – zumal in Berlin. Seine große Karriere erlebte der erfolgreichste Opernkomponist des 19. Jahrhunderts zwar in der Hauptstadt desselben Jahrhunderts, in Paris, geboren wurde der Sohn eines jüdischen Zuckerfabrikanten jedoch in einer Kutsche auf dem Weg von seiner Vaterstadt Berlin nach Frankfurt/Oder. So stand Giacomo Meyerbeers Wiege in Tasdorf bei Rüdersdorf.\r\n\r\nDie Deutsche Oper Berlin, die sich mit ihrer großen Bühne zunehmend auf das wertvolle, nicht so oft gespielte, großformatige französische und italienische Musiktheater-Repertoire der Romantik besinnt, wäre prädestiniert, um Meyerbeers 150. Todestag ausgiebig zu feiern. Sie hat dies, dann aber auch richtig, auf die Folgejahre verschoben. Wenn die Bauarbeiten in ihrem Stammhaus abgeschlossen sind, gibt es dort die richtig großen Meyerbeer-Grand-Opérà-Schinken, von denen alle Opernliebhaber sprechen, die aber kaum jemand kennt: „Die Afrikanerin“, „Die Hugenotten“, „Der Prophet“.\r\n\r\nIn dieser Spielzeit muss das Berliner Publikum mit der einmaligen konzertanten Aufführung einer späten musikalischen Komödie von Meyerbeer in der Philharmonie vorlieb nehmen: „Dinorah oder Die Wallfahrt nach Ploërmel“.\r\n\r\nNach jahrzehntelangen kommerziellen Erfolgen mit großen tragischen Opern in Paris verwirklichte der alte Komponist endlich einen Jugendtraum, frei von allen Gattungszwängen eine Opérà comique zu verfassen. Tragikomisch ist sie geworden. Im Zentrum steht die junge Dinorah, die im Glauben, ihr Bräutigam Hoël habe sie verlassen, dem Wahnsinn verfallen ist. Dieser ist jedoch lediglich auf der Suche nach einem Schatz, der die durch einen Blitzschlag in eine Scheune plötzlich eingetretene Armut des Paars kompensieren soll. Aus Dinorahs Wahnsinn und der Tumbheit des Dudelsackpfeifers Corentin, welcher für Hoël den Schatz heben und postwendend übers Ohr gehauen werden soll, ergeben sich etliche komische Szenen, doch der Grundduktus des Stückes hat Schicksalstiefe.\r\n\r\nOb komisch oder tragisch: „Dinorah“ ist in dramatischer Anlage und Komposition ein echtes Kleinod, und die Deutsche Oper zeigt dies ihrem Publikum mit Verve. Zuallererst das schlafwandlerisch sicher spielende Orchester und das Dirigat des rührigen Enrique Mazzola überzeugen in der Flexibilität, mit welcher beide zwischen den großen Ensembleszenen und den höchst fantasievoll instrumentierten Solo-Nummern vermitteln. Patrizia Ciofi, die als Sängerin der Titelrolle einen engen Kontakt zum Publikum im Saal herstellt, wird auf der Suche nach ihrer Lieblingsziege – dies die Obsession der wahnsinnigen Dinorah – teils nur von einer virtuosen Klarinette begleitet: Kühnheiten des alten Theaterhasen Meyerbeer.\r\n\r\nEindrucksvoll auch der anfängliche Marienhymnus des Bauernchors (gewohnt souveräne Einstudierung: William Spaulding), den der Komponist in einem Solo der Dinorah am glücklichen Ende drei Stunden später in kühner und treffsicherer harmonischer Verfremdung durch einen querstehenden Fagott-Ton bringt. Auf vokalem Weltniveau und doch mit volkstümlicher Komödiantik überzeugen der Bariton Etienne Dupuis (Hoël) und der Tenor Philipp Talbot (Corentin) in einem Opernkonzert, dessen Bemühungen um charakterstarke Darstellung ohne wirkliche Szenographie nie überflüssig und bemüht scheinen.

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