Strauss-Jubiläum ohne Bürokratie

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Von Matthias Nöther

\r\nEs war in der Philharmonie das Abschiedskonzert von Lothar Zagrosek in seiner Funktion als Erster Gastdirigent und Künstlerischer Berater des Orchesters. Es besteht kein Zweifel, dass die Musikstudierenden und die Anwärter auf Positionen in großen Klangkörpern, aus welchen sich die Junge Deutsche Philharmonie seit Jahrzehnten zusammensetzt, bereits durch ihr musikalisches Können einen hervorragenden Klangkörper bilden. Doch Zagrosek ist eben auch – selbst wenn man in Berlin nach der eher erfolglosen Zeit des heute 71-Jährigen beim Konzerthausorchester vielerorts anderer Meinung ist – ein hervorragender Orchestererzieher.\r\n\r\nDie Früchte seiner langjährigen intensiven und sehr grundlegenden Arbeit mit der Jungen Deutschen Philharmonie kann man gleich zu Beginn des Konzerts nachvollziehen: Samtig und weich schieben die Violoncelli den  ersten Einsatz von Claude Debussys „La mer“ in den Raum. Jede Klangabmischung, jedes pointierte Hervorblitzen der Bläser scheint im Folgenden genau durchdacht und ausgehört. Zagrosek ist jedoch nicht nur ein Mann der schönen Stellen und des Klangs, sondern er kann auch Entwicklungen über größere Zeitstrecken präzise gestalten.\r\n\r\nGerade in Debussys Tondichtung, die man durchaus auch als Antithese zu jenen deutschstämmigen Tondichtungen begreifen kann, welche immer etwas erzählen und unbedingt ausreden wollen, ist dies die eindeutige Positionierung eines künstlerisch meinungsstarken Dirigenten. Hier geht es nicht um ein abstraktes Klanggemälde mit zahlreichen effektvollen Farbtupfern, sondern um musikalische Logik in ganz klassischem beethovenschen Sinn. Jungen Instrumentalisten diese Musik auf diese Art nahezubringen, ist eine gute Grundlage, auch wenn andere Dirigenten in der Orchesterlaufbahn der Musiker es später einmal anders sehen sollten.\r\n\r\nEigentlich wurde das Konzert als „Festkonzert zu Ehren des Gema-Gründers Richard Strauss“ angekündigt. Nun, Strauss’ diesbezügliche Funktion ist heute eher zwiespältig zu beurteilen. Dem geschäftstüchtigen Komponisten ging es vor allem darum, seine eigenen Werke und damit solche Musik zu schützen, die einem eher konservativem Werkbegriff unterliegt. Dass die „Gesellschaft für musikalische Aufführungs- und mechanische Vervielfältigungsrechte“ in ihrer Grundanlage so unflexibel gebaut war, dass künstlerischer Fortschritt und Bürokratie nur mit immer größerem Aufwand zusammenzubringen sind, lässt sie heute Vielen zu Recht als ein schwerfälliges Monstrum erscheinen, in dessen grobmaschigem Netz vor allem solche Tonsetzer gehätschelt werden, die 100 Jahre nach Strauss’ Gründungsidee dem gleichen konservativen Werkbegriff huldigen.\r\n\r\nAufgrund dieses zu Recht zwiespältigen Images der Gema war es gut, dass nicht Richard Strauss’ – übrigens fulminant gespielte – Symphonische Dichtung „Don Juan“ aus dem Jahr 1889 das Herz des Konzerts bildete, sondern zwei weit modernere Werke: Witold Lutosławskis verstörendes Cellokonzert mit dem Solisten Truls Mørk sowie José María Sánchez-Verdús Orchesterstück „Alqibla“ – zwei Werke, die zugegebenermaßen durchaus dem konservativen Werkbegriff entsprechen, den auch die Gema vertritt. Und doch führen beide den Ausdrucksapparat Orchester an eine Grenze: Lutosławski ließ Anfang der 1970er Jahre ungehemmt das Chaos als Ausdruckskomponente in eine hochorganisierte Partitur einbrechen, stellt ein in seiner musikalischen Thematik völlig verunsicherte Cellostimme gleich zu Beginn archaisch rotzenden Trompeten gegenüber, die mehr als einmal an ihre Urbestimmung, den Aufruf zu Krieg und Zerstörung erinnern.\r\n\r\nSánchez-Verdús Stück interessiert sich offenbar für die grenzenlose Dehnbarkeit der Vielzahl orchestraler Klangkombinationen, die er soweit führt, dass man zeitweise die hervorbringenden Instrumente kaum noch nachvollziehen kann. Mit den provokativen musikalischen Gesten des zweiten Teils geht das Werk aber auf faszinierende Art über eine reine Klangstudie hinaus. Dass die Junge Deutsche Philharmonie, ein technisch hochvermögendes Orchester aus Berufsmusikern von morgen wie sich in 50 Prozent eines solchen Konzerts schwierigen Werken der jüngeren Musikgeschichte widmet, sollte man als Signal an das Publikum, an Orchester und Konzertveranstalter gleichermaßen betrachten.

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