Der polyglotte Kastrat

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Von Matthias Nöther

\r\nEs ist beachtlich, was der Countertenor Raffaele Pè an diesem Abend im Kammermusiksaal der Philharmonie leistet. Als Gründer und Leiter des italienischen Barockensembles „La lira di Orfeo“ („Die Leier des Orfeus“) singt er mit Schlankheit und Flexibilität die Diskantstimme in allen Madrigalen, Monodien und Opern-Einlagen des Konzerts und dirigiert zugleich seine sechs Kolleginnen und Kollegen, ohne dabei nur einmal sängerisch aus seiner körperlichen Mitte zu geraten.\r\n\r\nRaffaele Pè ist in diesem Konzert die moderne musikalische Inkarnation von Gualberto Magli, einer so entscheidenden wie unbekannten Gestalt der frühbarocken italienischen Musikgeschichte. „Dem Mimen flicht die Nachwelt keine Kränze“ – der Satz aus Schillers „Wallenstein“ gilt nicht nur für Schauspieler früherer Jahrhunderte, sondern ebenso für Sänger und Musiker, seien sie auch für die Bekanntmachung epochaler Werke noch so entscheidend gewesen.\r\n\r\nGualberto Magli, namhafter Kastrat und Harfenist aus Florenz zu Beginn des 17. Jahrhunderts, war zudem nicht nur musikalisch, sondern auch politisch von einiger Bedeutung. Im Jahr 1615 wurde der renommierte Künstler ins Land Brandenburg geschickt, in den Dienst des Kurfürsten Johann Sigismund, um die Beziehung des italienischen Adelsgeschlechts der Medici zu dem mächtigen Hof im fernen Norden zu festigen. Maglis musikalische Aktivitäten in Brandenburg sind nicht dokumentiert. Daher vollzieht „La lira di Orfeo“ in ihrem Programm einen dramaturgischen Kunstgriff: Gianluca Buratto, der Bass des Ensembles, singt eine „Teutsche Villanelle“ von Johann Nauwach – eines brandenburgischen Lautenisten und Kapellmeisters, der als Deutscher in Florenz ab 1612 Musik studierte. Nauwach trat also eine zu Maglis Fahrt gen Norden entgegengesetzte Reise an. Dort lernte Nauwach die revolutionäre Gattung der Monodie kennen, jenes emotionsgeladenen Sologesangs, der wenige Jahre später in die Erfindung der Oper münden sollte.\r\n\r\nDie monodischen Zusammenkünfte im Hause des florentinischen Grafen Bardi sind musikgeschichtliche Legende, und so beginnt das Konzert mit einem Solomadrigal des Grafen, gesungen von der schlanken, durchschlagskräftigen und farbreichen Stimme der Sopranistin Francesca Boncompagni. Sie wird sich im Verlauf des Abends auf einen mit einem bunten Seidentuch umhüllten Sessel in der Mitte des Podiums setzen und sich von den beiden Kastraten-Darstellern des Abends – neben Raffaele Pè der venezuelanische Quintus-Sänger Andrés Montilla-Acurero – den Hof machen lassen. Doch die szenische Darstellung der sehnsüchtigen Renaissance-Liebesgedichte führt nie ein Eigenleben, wird immer wieder geschmackvoll auf die klangliche Ebene zurückgeleitet.\r\n\r\nEin weiterer eindrucksvoller Höhepunkt des Konzerts sind die Auszüge aus Monteverdis bahnbrechendem Opern-Prototyp „L’Orfeo“, an dessen Uraufführung Gualberto Magli ebenfalls mitwirkte. Vielleicht kam der begabte Kastrat durch Monteverdis hierfür erfundene Harfensoli – virtuos gespielt von Chiara Granata – auf den Geschmack und wollte neben seiner Gesangslaufbahn Harfe lernen. Das Ensemble „La lira di Orfeo“ lässt den Zuhörer ahnen, was für eine Bedeutung diesem Instrument – auch jenseits des zauberischen Orfeus-Gesangs – in den Jahren der Erfindung der Oper

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