Orgelkunst wilhelminisch

\r\n

Von Matthias Nöther

\r\nZum neunten Mal findet in diesem Jahr der Internationale Orgelsommer an der Großen Sauer-Orgel des Berliner Doms statt. Für denjenigen, der nicht jede Woche zum Gottesdienst in das Haus kommt und dessen Atmosphäre als selbstverständlich verinnerlicht hat, für den weckt der Dom gerade in Zusammenhang mit seiner Orgel und ihren Klängen keine sakralen Gefühle. Das dürfte auch den zahlreichen deutschen und internationalen Touristen so gehen, die sich hier zu den Orgelkonzerten einfinden. Mehr als irgendein Bau in Europa weckt diese unvorstellbar riesige Halle in Verbindung mit ihrer zeitgleich 1905 eingeweihten Orgel vage Erinnerungen an profan Historisches, das man selbst nie erlebt hat, das hier aber präsent ist wie nirgends sonst in Berlins Mitte.\r\n\r\nAus allen Poren riecht es nach spätem Wilhelminismus, mit seiner Gigantomanie, mit seinem repräsentativen Staatsprotestantismus und seiner Technikgläubigkeit. Das alles wird gebündelt in der vom renommierten Stuttgarter Organisten Helmut Deutsch dargebotenen Musik, auch wenn es sich unter anderem um Bach und Mendelssohn handelt – letzterer übrigens lernte das Orgelspiel als Schüler keinen halben Kilometer von diesem Ort entfernt, in der Marienkirche schräg gegenüber.\r\n\r\nSpäter legte Mendelssohn, was nur Wenige wissen, einigen Ehrgeiz in die Erneuerung der Orgelmusik. Seine von Helmut Deutsch anfänglich gespielte Sonate Nr. 1 in f-moll op. 65 zeugt davon. Deutsch vermittelt einfühlsam zwischen der eher schlank-klassizistisch entworfenen Partitur Mendelssohns und dem viel zu großen Raum. Doch was auf der Sauer-Orgel erklingt, atmet stets eher vom Geist dieses Rieseninstruments, der alles aufsaugt, weniger vom Geist der Werke. Aber wer das weiß, kann sich darauf einstellen. Das Bild Bachs, das aus der c-moll-Passacaglia BWV 582 mittels der Sauer-Orgel herausscheint, klingt mehr nach Kaiserzeit als nach Leipziger Thomaskantor. Es hat etwas von einer Gutenberg-Bibel, die sich als Näh-Necessaire entpuppt. Der Wilhelminismus war eine Zeit des Als-Ob, auch in der Musik.\r\n\r\nDennoch ist und bleibt die Sauer-Orgel eines der wenigen Orgeldenkmäler der Spätromantik mit dem weltweit größten und aufwändigsten maschinellen Innenleben. So größenwahnsinnig sie, historisch betrachtet, scheint, so stolz können Berliner Musikliebhaber auf sie sein.\r\n\r\nGerade die „Sonate in c-moll über den 94. Psalm“, geschrieben vom Franz-Liszt-Schülers Julius Reubke, ist in dem sich für Helmut Deutsch darbietenden Orgel- und Kirchenambiente gut gewählt. Reubke, der Mitte des 19. Jahrhunderts lebte und nur 24 Jahre alt wurde, war der Musik seiner Zeit weit voraus. Seine Sonate beginnt in einem dunklen Klangnebel, finster, groß und dissonant sind die Themen, die sich daraus erheben. Gott als Rächer, wie er im Alten Testament erscheint, darum geht es im 94. Psalm, und das Unheimliche, Unsicht- und Ungreifbare, alle vorstellbaren Dimensionen Sprengende, es ist von Reubke verstörend genau in Musik gesetzt.

flattr this!