Gunhild darf Komödie machen

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Von Matthias Nöther

\r\nImmer tiefer im Sommerloch liegen die Termine der sonntäglichen Matineen im Musikinstrumentenmuseum, und die jungen Interpreten, die von der talentfördernden Gotthard-Schierse-Stiftung nominiert wurden, springen mit immer mehr Elan aus diesem Loch hervor. Das Programm der amerikanischen Mezzosopranistin Jazimina MacNeil mit zu Kunst geronnenen Volksliedern der Romantik und frühen Moderne ist vordergründig eine leicht zu konsumierende Sache.\r\n\r\nDoch eigentlich ist es höchst anspruchsvoll, die von den Komponisten sublimierte, immer wechselnde Beziehung von Text und Melodie hörbar zu machen und dennoch im sängerischen Ausdruck einfach und sofort nachvollziebar zu bleiben. MacNeil bewältigt diese Aufgabe fulminant – mit Hilfe eines leicht ansprechenden, aber voll flutenden Mezzosoprans zum einen, zum anderen mit Hilfe der gründlichen und nuancenreichen Erarbeitung von Liedliteratur in vier Sprachen sowie mit Hilfe ihrer ebenfalls US-amerikanischen Klavierbegleiterin Deirdre Brenner.\r\n\r\nIn der Präsentation von fünf Volksliedern von Johannes Brahms hält Jazimina MacNeil spielerisch die Balance zwischen direktem Witz, ironischer Distanz zu der allzuoft bierernsten Mittelalter-Verehrung der Romantiker sowie echter Tiefe des Ausdrucks. Der Höhepunkt ist hier das Lied „Gunhild lebt’ gar still und fromm“, worin eine auf Abwege geratene junge Nonne zurück in den Schoß des Klosters findet. Das scheinbar so simple Strophenlied kann dank der unerschöpflichen Ausdrucksfacetten der Sängerin, schon in der Mimik sich äußernd von nahezu verballhornender Komödiantik bis zur tiefsten Trauer, in jeder Strophe einen völlig anderen Charakter annehmen.\r\n\r\nGustav Mahlers Liedern ist dieser schnell wechselnde Ausdruck, diese Doppelbödigkeit allerdings bereits einkomponiert. Das könnte die junge, so eigenständig sich einfühlende Sängerin hemmen. Doch selbst das makabre „Wo die schönen Trompeten blasen“ mit seinem Gespenst eines (vermutlich) gefallenen Soldaten kann MacNeil mit vor Entsetzen erstarrten Augen und dennoch stets gut fokussiertem Liedton mit jeder Pore verkörpern. Deidre Brenner überzeugt hier besonders mit einer Darstellung des Klavierparts, welcher minutiös der subtileren Orchesterfassung abgehört ist.\r\n\r\nWie flexibel und eigenständig diese Pianistin unterschiedliche Stile ihrerseits gestaltet, hört man nach der Pause: In Dvořáks Zigeunermelodien op. 55 ist Schluss mit der bürgerlich gesitteten Romantik, Brenners Klavierton macht ganz auf schrille Balkan-Hochzeit. MacNeil ist in ihrer extrovertierten, mimisch reichen Darstellung der Lieder ohnehin für jede Party zu haben.\r\n\r\nGewollt komödiantisch sind in diesem Programm eigentlich nur einige Lieder von Jazamina MacNeils Landsmann Aaron Copland. Gemischt sind diese Nummern mit Liedern voll treuherzigem Patriotismus und Religiosität. Auch diesen Ausdruck beherrscht Jazimina MacNeil. Ob auch dies ein exzellent gespieltes Sängertheater ist, muss offenbleiben.

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