Stimmbänder brauchen Partner

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Von Matthias Nöther

\r\nSchaffen sie es heute abend, schaffen sie es nicht? Wie bei kaum ein anderes Organ eines Sängers sind die Stimmbänder von Rolando Villazón beliebter Gegenstand allgemeiner Spekulation. Nicht nur auf den stimmsensiblen Star-Tenor, sondern gleichermaßen auf unsere Gesellschaft, die der Kulturtechnik des Kunstgesangs immer fremder gegenübersteht, wirft das ein unrühmliches Licht. Man kann eben eine Stimme nicht von dem Menschen, der sie besitzt und gebraucht, trennen. Zu oft wird dies getan, und vermutlich hat diese Unsitte dazu beigetragen, den einst so brillanten, wenn auch immer schon wechselhaften mexikanisch-französischen Tenor immer wieder in tiefe Stimmkrisen zu stürzen.\r\n\r\nNicht dass nun der Villazón-Abend in der Philharmonie keine stimmlichen Höhepunkte zu bieten hätte – doch Villazón ist eben keiner, der seine Stimme sozusagen „als solche“ gerne ausstellt – unabhängig davon, dass sie „als solche“ längst nicht mehr so brillant funktioniert wie in der Zeit seiner Opern-Partnerschaft mit Anna Netrebko. Villazón scheint sich von jeher in komödiantischen, quirligen Nummern eher zu Hause zu fühlen – solchen, die den Darsteller, den Menschen fordern. Einige der unbekannten Mozart-Arien, die der Sänger unter Begleitung des Kammerorchesters Basel präsentiert, kommen ihm da entgegen. Gesungen wird etwa eine Arie aus dem Opera-buffa-Fragment „Lo sposo deluso“, das Mozart als 28-Jährigen komponierte, auf dem Höhepunkt schöpferischer Kraft. Villazón lässt seine buschigen Augenbrauen komödiantisch spielen, setzt mit leichter Hand inneren und äußeren Monolog stimmlich und darstellerisch voneinander ab. Auf dieser künstlerischen Basis kann er durchaus auch in einer großen tragödischen Konzertarie wie „Misero! O sogno o son desto?“ überzeugen. Und wenn es um intensiven Ausdruck geht, kann die Stimme in hohen Lagen auch gelegentlich noch glänzen. Doch zunächst steht fest: Rolando Villazón kann den Vokalstil dieses gänzlich unbekannten Mozart, der zwischen barocker Stilisierung und unmittelbarem Ausdruck des „empfindsamen“ Zeitalters schwankt, mit großer Intelligenz und einfühlsamer Menschlichkeit ausfüllen – das macht diesen Künstler aus. Man würde wohl keinem Sänger und Villazón schon gar nicht gerecht, würde man nur auf isolierte stimmliche Glanzpunkte warten.\r\n\r\nWohl nicht zuallererst wegen der Parallele zu historischen Konzertprogrammen, sondern um die anfällige Stimme Villazóns zu schonen, spielt das Kammerorchester Basel zwischen den Gesangsnummern die Ouvertüre zu Mozarts früher Oper „Lucio Silla“, zwei Märsche sowie die Prager Symphonie – ein heimlicher Höhepunkt des Konzerts. Unter souveräner Führung seines Konzertmeisters Florian Donderer tritt das Orchester ohne Dirigenten auf, und dies vermittelt mindestens in gleichem Maße einen musikalischen Eindruck der Mozart-Zeit wie die historischen Instrumente und Spielweisen. Mit unerhörter Binnenspannung tritt das gesamte Spannung in die langsame Einleitung der Symphonie ein, und selbst heikle Einsätze im Finale scheinen in dieser feinen Kommunikation von allen mit allen kein Problem darzustellen. Rolando Villazóns Stärken in diesem Konzert sind sein brennendes Interesse an Mozart jenseits der längst klischierten, bekannten Werke – und sein Interesse an kongenialen musikalischen Partnern.

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