Trompetensolo für den Irak-General

\r\n

Von Matthias Nöther

\r\nDie Philharmonie ist fast voll, man glaubt es nicht. In der Reihe „Philharmonie Late Night“, Beginn halb elf abends, spielt eine Kammerorchester-Abordnung der Philharmoniker unter Simon Rattle im Gedenken an den 2012 verstorbenen Komponisten Hans Werner Henze dessen Requiem aus dem Jahr 1992 – „Neun geistliche Konzerte für Klavier solo, konzertierende Trompete und großes Kammerorchester“.\r\n\r\nNeue Musik eines alten, strengen Avantgardisten, für zweitausend Menschen atttraktiv gemacht durch die originelle Uhrzeit halb elf – warum nicht? Doch Vorsicht: Zur Verkultung eines Musikers gelangt man in diesem Genre nicht, wie in der Waldbühne, über angezündete Teelichter, sondern ehrlicherweise nur über das intensive Studium vieler seiner früheren Werke. Rattle hat das hinter sich, das Publikum nicht.\r\n\r\nHenzes Requiem ist ein Alterswerk, dicht, intensiv, verrätselt. Ein erfolgreicher Komponist von fast siebzig Jahren muss seine persönliche Poetik nicht mehr zu Markte tragen, nicht mehr vermitteln. Gleich im kraftvoll-chaotischen Introitus scheint alles gleichzeitig zu passieren – keine Chance für den Hörer, sich sofort sein Erlebnis eigenständig zu ordnen. Hier wäre ein gut strukturiertes Programmheft, das es wegen der Low-Budget-Aufführung nicht gibt, viel wichtiger als bei normalen Abo-Konzerten – oder eine knappe Moderation, das Anspielen einiger wichtiger musikalischer Motive im Vorfeld.\r\n\r\nDie meisten Hörer sind tapfer, bleiben – und werden belohnt. Vielleicht ist es auch gut, dass man sich selbst seinen Weg durch den Dschungel dieser fremdartigen Schönheiten bahnen muss. Bei Henze, einem Verehrer des Tanzes, ist man gut beraten, sich nicht an komplexen Klängen festzubeißen, sondern sich der Musik über ihren rhythmischen Fluss zu nähern. Man spürt die Filigranität dieses musikalischen Bewegungsapparats intuitiv in den vielen Taktwechseln, die Rattle da mit den Armen ausbuchstabiert und die untergründig im Schlagwerk und den tiefen Posaunen ständig präsent sind. Selbst ätherischen Sätze wie dem Lux aeterna kann man auf diese Art beikommen. Das Rex tremendae mit dem halsbrecherisch undankbaren Part für die Solo-Trompete von Gábor Tarkövi, hat Henze als bitteres Porträt des US-Generals Schwarzkopf aus dem damaligen Irak-Krieg gedacht. Elemente früherer Anti-Kriegs-Musiken Henzes treten auf, neben dem Kriegssymbol Trompete bedrohliche Klangwellen, die der Komponist selbst in der kleinen Besetzung meisterlich erzeugen kann. Im Agnus Dei hätte man nach so viel Gewalt gerne mehr von der zarten Kantilene des Bratschers Micha Afkham und weniger vom Solo-Klavier Ohad Ben-Ari gehört, doch Rattle sieht das offenbar anders. Einen effektvollen Höhepunkt erfährt diese Late Night in Henzes abschließenden Sanctus, welches drei Trompeten mit königlichen barocken Signalen das Kammerorchester weiträumig umstellen lässt – die Philharmonie ist der perfekte Saal dafür.

flattr this!