Ein Ton pro Trauertag

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Von Matthias Nöther

\r\nVon den drei Musiktheater-Produktionen, die zur Eröffnung der MaerzMusik in Folge gezeigt wurden, ist „Shiva for Anne“ sicherlich die dichteste, vielschichtigste – und diejenige, welche die Bezeichnung „neues Musiktheater“ mit dem größten Recht trägt. Acht Sängerinnen und Sänger stehen zunächst im Halbdunkel einer Nebenbühne im Haus der Berliner Festspiele, flankiert von einigen Schlagzeugern in den Ecken. Man hört kaum etwas, erst langsam schälen sich Zisch- und Reibelaute aus der Dunkelheit.\r\n\r\nVom Anliegen des Abends ist hier zunächst nur auf Umwegen etwas zu merken. Für die schweizerische, in Berlin lebende Komponistin Mela Meierhans ist „Shiva for Anne“ das dritte Stück ihrer „Jenseitstrilogie“. Totenrituale aus immer anderen Kulturen sind das Thema dieser schillernd vielseitigen, zersplitterten, zwischen eiserner künstlerischer Unbedingtheit und feiner Ironie changierenden Werke. Stets geht es um einen anderen Kulturkreis. Die urtümliche Totenklage in den Schweizer Bergen machte den Anfang. 2010 dann wurde bei der MaerzMusik „Rithaa“ uraufgeführt, das dem arabischen Totenkult gewidmet ist.\r\n\r\nIm dritten Teil von „Jenseits“ gibt das „Schiwa sitzen“ dem Abend eine Form: Noch heute sitzen in gläubigen jüdischen Familien die nahen Verwandten eines Toten in ihrem Haus sieben Tage schlaflos auf niedrigen Schemeln, empfangen dort Kondolierende, tauschen Erinnerungen aus. Anne Blonstein, eine Freundin der Komponistin und selbst Jüdin, sollte ursprünglich den Text für dieses Werk schreiben, dann starb sie selbst an Krebs. Dieser persönliche Verlust führt Meierhans dazu, in dem Werk verschiedene Ebenen zu verschränken: Die reizvollste, am meisten aus der Musik geborene und auch rätselhafteste Ebene ist die des spekulativen Spiels mit Schrift, Sprache, Buchstaben – ein Spiel, aus dem sich zu Beginn die Zischlaute der Sänger ergeben und danach vieles Andere. Meierhans teilt mit der Dichterin Anne Blonstein die in der jüdischen Kultur seit Jahrtausenden verankerte Begeisterung für Schriftzeichen, der kreative Umgang damit bildet das Rückgrat des Abends: Buchstaben werden den einzelnen Tagen der Schiwa zugeordnet, jeder erhält einen Ton. Dazwischen berichtet ein Sänger vom Tod der Dichterin, die anderen denken laut über das musikalische Eigenleben der Buchstaben nach. Schon der tiefgläubige jüdische Komponist Arnold Schönberg ging für seine späte, hochspekulative Oper „Moses und Aaron“ ähnlich vor, auch seiner Faszination am tönenden Eigenleben alter Schriftzeichen zollt Meierhans in „Shiva for Anne“ musikalisch Tribut.\r\n\r\nVon den esoterischen Zeichenspielen hört der Zuschauer wenig, wenn er von den großartigen Vokalsolisten in den Bann geschlagen wird. Doch in den Zuschauerraum überträgt sich die komplexe innere Ordnung in Gestalt ganz besonderer Konzentration der Sänger und Musiker. Und allmählich bringt man seine eigene Ordnung in das rätselhafte Treiben. Die sieben Trauertage, kondensiert auf siebzig Minuten, sie sind so ereignisreich wie kurzweilig.

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