Künstler tot im Schnee – Klischee?

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Von Matthias Nöther

\r\n„MaerzMusik“ bezeichnet sich mittlerweile seit zwölf Jahren als „Festival für aktuelle Musik“. Wenn die erste Musiktheater-Aufführung der diesjährigen Ausgabe „Schau lange in den dunklen Himmel“ nicht ein Ton von Musik des 21. Jahrhunderts erklingt, dann muss der Festivalleitung wohl eine andere Aktualität unter den Nägeln brennen – eine Aktualität, die die Musikcombo Franui aus Osttirol bearbeiten kann, die diesen Abend in den Sophiensälen gestaltet.\r\n

\r\nEs erklingen Musik von Robert Schumann und Texte von Robert Walser – der eine ist über anderthalb Jahrhunderte tot, der andere über ein halbes. Wo liegt das künstlerisch Aktuelle?\r\n\r\nIm Diskussionen der öffentlich geförderten Musikszene, ob privat oder öffentlich, geht es in den letzten Jahren verstärkt um den sozialen Status von Künstlern, Gespräche über Ästhetisches bleiben da oft auf der Strecke – nicht, weil man sie nicht führen will, sondern weil das andere Thema einfach zu raumgreifend ist. Die katastrophal verschlechterten Verträge der Berliner Musikschullehrer, die zahlreichen Nicht-Bewilligungen zahlreicher Projekte freier Gruppen durch den Hauptstadtkulturfonds zugunsten großer Institutionen – das ist für uns abstrakte Kulturpolitik. Wie sich solche Entscheidungen auf freie Musiker individuell auswirken, auf ihre Kreativität und schiere Existenz, das bleibt im Dunkeln, weil die solcherart betroffenen Künstler eben gar nicht mehr in Erscheinung treten können. Künstler sind beim Schaffen auf sich selbst verwiesen, eine einsame Angelegenheit ohnehin. Sie sind so höchst verwundbar durch Gegenwind aus dem bürgerlichen Diesseits.\r\n\r\nDen Autoren Robert Schumann und Robert Walser ist gemeinsam, dass sie in einer Nervenheilanstalt starben, der eine innerlich, der andere äußerlich völlig vereinsamt. Einsamkeit, Außenseitertum bilden das Hauptthema von „Schau lange in den dunklen Himmel“, allgegenwärtig durch die Konstellation auf der Bühne: Schauspieler Daniel Christensen steht als einziger nicht singender oder musizierender Protagonist gegen die gesamte Musicbanda Franui, die zu zehnt ist und zeitweise mit Stammtisch-Gestus musiziert, mit vierfachem schwerem Blech ohnehin immer lauter als der Rezitator und Verkörperer der Walser-Texte. Dazu kommt der nicht viel leisere und einfühlsamere Psychoanalytiker, der in Gestalt des Baritons Otto Katzameier seine Macht über den stets barfüßigen und damit verletzlichen Anstaltsinsassen ausspielt.\r\n\r\nDer irrlichternde Duktus von Schumanns Musik, namentlich derjenige seiner quasi auf dem Weg in die Irrenanstalt geschriebenen „Geistervariationen“, ist allgegenwärtig, trotz des brachialen Verfremdungseffekts durch die Musicbanda. Neue Musik ist das nicht, aber ein starkes Signal aus der aktuellen Musikwelt. Der romantische Typ des elenden Künstlers, für den die Person Schumann, aber auch das Schicksal Walsers schon immer beispielhaft stand, er war lange zum Klischee geronnen. Schumann wurde aus dem Wasser gefischt, Walser lag tot im Schnee. Trauriger geht es kaum, und, zumindest als Symbol, auch nicht aktueller.

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