Dunkle Träume mit Dur-Terz

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Von Matthias Nöther

\r\nWer sich in solchen Uraufführungen immer mal wieder wundert, wie der altmodische Kulturapparat „ Symphonieorchester“ noch neu erfundene Kunst zum Klingen bringen soll – Kunst, die auch tatsächlich als auf unsere schnell rotierende Welt zugeschnitten empfunden werden kann –, der wird sich bei Haas Stück „dark dreams“ einmal mehr wundern: Es ist möglich. Die reine Information, dass am Ende des Stückes in der Solo-Trompete von Gábor Tarkövi so etwas wie eine Melodie entsteht, mag misstrauisch stimmen. Eine Melodie! Ist das nicht schlechthin die Kapitulation vor dem Erbe der atonalen und seriellen Musik-Avantgarde? Bei manchen Komponisten bestimmt, aber nicht bei dem 60-jährigen Österreicher Haas.\r\n\r\nIn „dark dreams“ ist die Melodie kein Höhepunkt, welcher, wie in der Symphonik von Beethoven bis Mahler, durch titanisches Ringen erreicht würde. Wie selbstverständlich schält sie sich im Verlauf von zwanzig Minuten aus jenen Klangflächen heraus, die das Zentrum des Stückes bilden: Es sind Klangstudien über jeweils ein Tonintervall, wobei Haas sich nicht vor solchen Intervallen scheut, die in anderen Zusammenhängen völlig traditionell wirken würden. Minutenlang unterhält der Komponist das Orchester mit einer lieblichen Terz: im Wechsel verschiedener Gruppen, versetzt, rhythmisch variiert – bis dem Hörer jenes Lieblingsintervall von Mozart bis Verdi wie die Keimzelle von etwas ganz Neuem anmutet. Aus den Tiefen des Orchesters dröhnen alsdann leere Quinten herauf, auf deren klangliche Reinheit Georg Friedrich Haas in seiner Partitur größten Wert legen soll. Ein beglückend angstfreies Stück, das sich um ästhetische Verbote aller musikalischen Richtungen wenig schert. Simon Rattle und die Philharmoniker, deren Stipendiaten schon in der vergangenen Spielzeit ein Kammermusikstück von Haas den Berliner präsentierten, haben mit diesem Stück gekonnt ihre eigenen und die Ohren der Zuhörer geschärft. Debussys anschließende Tondichtung „La Mer“ kann danach viel eher als abstrakte Orchesterstudie gehört werden, als welche sie gemeint ist – und nicht so sehr als atmosphärisches Klanggemälde, das Debussy gar nicht schreiben wollte.\r\n\r\nZuvor erklingt als populärer Antipode des Haas-Stücks die dritte Symphonie von Johannes Brahms – gespielt in unzähligen Philharmoniker-Konzerten und ein Stück, welches Orchester und Publikum so bekannt ist, dass es für viele zu einem Gradmesser der Vertrautheit zwischen Orchester und Dirigent werden kann. Die ist in diesem letzten Viertel von Rattles Amtszeit tatsächlich immens. Rattle gibt Richtungen vor, ohne wirklich zu dirigieren, und doch bringen die Instrumentengruppen gleich im ersten Satz in ihrer jeweiligen klanglichen Eigenart eine Energie ein, die die Musik wie von selbst strukturiert. Das mag manchmal auch prätentiös klingen, aber auf die indirekte, kultivierte, intelligente Art: Klar, ein Hornist wie Stefan Dohr zeigt mit einem extrem leisen Solo wie im dritten Satz auch sein ganzes Selbstbewusstsein als Musiker, aber er gibt durch dieses neue Hörerlebnis eben auch einen Impuls ins Orchester, der dankbar aufgenommen wird.

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