Komponisten im Regenwald

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Von Matthias Nöther

\r\nDer Auftritt der britischen Alte-Musik-Truppe Florilegium findet in überschaubarem Rahmen statt, ist aber zweifellos ein anspruchsvoller Höhepunkt des gesamten Festivals „Südamerika“. Was Florilegium da präsentiert, konnte nur von musikhistorisch bewanderten Programm-Spezialisten des Konzerthauses eingefädelt werden. Denn es ist eine Konstellation, die nicht auf der Hand liegt: Ein britisches Ensemble tut sich mit vier jungen bolivianischen Sängern zusammen, um Barockmusik des 18. Jahrhunderts aus Bolivien aufzuführen.\r\n\r\nJawohl, aus Bolivien! Im Orden der Jesuiten entstand bereits im 17. Jahrhundert die Idee, der radikalen und brutalen Kolonisation der spanischen und der portugiesischen Krone einen gewaltlosen Weg entgegenzusetzen, um die Angehörigen der indigenen Völker zu missionieren – durch musikalische Bildung und zugleich Amalgamierung der Kulturen vor Ort. Die Musik aus den Missionen der Chiquitos- und Moxos-Indianer also, die in diesem Konzert unter Leitung des Londoner Flötisten Ashley Solomon zu hören ist, hat nichts mit buntem Karneval, strammem Tango-Rhythmus und mexikanischer Folklore zu tun – dies sind popkulturelle Klischees, die bei dem Konzerthaus-Festival durchaus auch ein bisschen, wenn auch augenzwinkernd, bedient werden. Die Glühbirnen der Kronleuchter im Foyer wurden durch bunte Lampen ausgetauscht, was den Schinkel-Bau nun nicht gerade zur zigarrenrauchgeschwängerten argentinischen Tango-Kaschemme werden lässt, aber sicherlich diesen gewitzten Versuch wert ist. Das gleiche gilt für die roten Schals, die in dieser Woche alle Platzanweiser tragen dürfen.\r\n\r\nWer es will, kann sich jedoch gerade auf die speziellen Konzerte im Haus selbst sehr detailliert vorbereiten. So zeigt das Konzerthaus vor dem Auftritt von Florilegium einen Film, der die Arbeit an der bolivianischen Barockmusik zeigt: In der prunkvollen Holzkirche von Concepción, einer einst von Jesuiten mitten im Urwald gegründeten Kleinstadt, arbeitete das Florilegium-Ensemble schon mehrmals intensiv mit bolivianischen Sängern und Musikern. Kern des Ganzen sind circa 5.500 Blätter historisches Notenmaterial, das in den 1990er Jahren vor Ort von einem musikinteressierten polnischen Geistlichen vor Ort entdeckt wurde: Stücke von vor allem spanischen und italienischen Komponisten, die in die Neue Welt ausgewandert waren. Aber es gibt auch anonyme Kompositionen, die tatsächlich von ihren bolivianischen Schülern stammen könnten – komponiert, um für eine musikalische Ausgestaltung der täglichen Liturgie zu sorgen.\r\n\r\nVieles spricht, wenn man diese Musik dann hört, dafür: Die kleinen Sonaten, die Arien und Ensembles mit Basso-continuo-Begleitung, sie sind einerseits lupenrein, fast schulmäßig im Stil des europäischen Generalbasszeitalters gehalten, andererseits trotz höchst eingängiger musikalischer Einfälle von einer Einfachheit, die sich wohl die manirierte Londoner und Pariser Szene um 1740 kaum getraut hätte. Das wird am Ende des Konzerts klar, wenn das Ensemble eine Psalmvertonung des Italieners Domenico Zipoli intoniert – mit allen Wassern der barocken musikalischen Figurenlehre aus Europa gewaschen und erst in der zweiten Hälfte seines Lebens ab 1716 als Missionar im argentinischen Córdoba tätig.\r\n\r\nDie Musik mag erst seit zwanzig Jahren wieder der Öffentlichkeit zugänglich sein, die barocke musikalische Praxis hat sich im musikalischen Bildungssystem Boliviens über die Jahrhunderte erhalten. Noch heute wird das Wissen um den Instrumentenbau, wie er einst von den Jesuiten in den Missionen gelehrt wurde, gepflegt, und für die Schüler der bolivianischen Musikschulen ist Musik erst einmal gleichbedeutend mit Musik im Stile des europäischen Barock. Aus den Kehlen der vier bolivianischen Vokalsolisten Gian-Carla Tiresa, Andrea Crespo, Alina Delgadillo und Alfredo Aramayo Numbela strömen die Klänge beglückend natürlich aus. Man kann sich kaum vorstellen, dass sie auch anderes Repertoire singen – dabei handelt es sich um mittlerweile international tätige Solisten. Auch in Bolivien gibt es ein renommiertes Alte-Musik-Festival. Das Land ist, in Hinblick auf Barockmusik, keine Provinz.\r\n\r\n 

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