Die Eleganz des Wissenden

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Von Matthias Nöther

\r\nDieser Prophet gilt im eigenen Lande nicht nichts, jedoch offenbar nicht genug für den großen Saal des Konzerthauses mitten in der Woche: Der Pianist Martin Helmchen, einst Schüler des Carl-Philipp-Emanuel-Bach-Gymnasiums, ist einer der jungen Berliner Musiker von Weltruf, neben der Sopranistin Annette Dasch verbreitet er den Ruf der Hauptstadt als junger, frischer Klassik-Metropole auf seinen Tourneen in alle Welt.\r\n\r\nHelmchen hat auch in seiner Heimatstadt durchaus einen eingeschworenen und wachsenden Fankreis, und doch blickte er bei seinem Solo-Recital auf einen nur mäßig gefüllten Saal. Dabei war Helmchen bereits vor sechs Jahren, damals gerade einmal Mitte Zwanzig, erfolgreicher Artist in Residence am Konzerthaus. Hatte es nun mit dem Programm zu tun, das keine spektakuläre Virtuosenliteratur von Chopin und Liszt bot? Konnte die Laufkundschaft des Gendarmenmarkts mit der angekündigten Zusammenschließung einer Bach-Partita mit Schumanns Spätwerk, Webern-Atonalität und Schuberts „Wanderer-Fantasie“ wenig anfangen?\r\n\r\nTatsächlich erschloss sich die beglückende Durchdachtheit dieser Kombination erst im Verlauf des Abends. Gewiss, die Partita D-Dur BWV 828 zählt nicht zu den bekanntesten Klavierkompositionen des Thomaskantors, und nicht nur die energisch aufgeworfenen Figuren des Präludiums müssen sehr sauber und präzise einstudiert werden, um verspielt wirken zu können. Helmchen jedoch ist erfüllt seit Jahren die Anforderung der lückenlosen Gründlichkeit bei der Musik jeglicher Epoche, seine innere Aufmerksamkeit auf jede neue kontrapunktische Linie der Partiten-Tänze überträgt sich auf das Publikum.\r\n\r\nAus welchem Grund Helmchen zunächst eine andere Reihenfolge des Programms ankündigte, weiß man nicht – die am Ende gewählte ist jedenfalls die richtige: Es dürfte ganz im Sinne Schumanns sein, dass man seine späten „Waldszenen“ hört, solange man noch die strenge, zugleich effektvolle Polyphonie Bachs im Ohr hat. Schumanns romantisierende Schein-Kontrapunktik – eine zweite Stimme imitiert die erste, diese wiederum wird daraufhin nicht weitergeführt, sondern zum bloßen Zierwerk – hebt die strenge, am Boden sich dahinarbeitende Stimmführung Bachs mit einem Windstoß in die Luft, wo sie als musikalische Parfumwolke zerstiebt, die duftigen Klänge gehen auf das Publikum nieder.\r\n\r\nDoch Helmchen vertraut nur Schumanns real niedergeschriebenen Stimmverläufen, lässt sich auch im nahezu impressionistisch in die Lüfte fliegenden „Vogel als Prophet“ nicht zu willkürlichen Klangwolken mit zuviel Pedal, zu jähen Schwankungen des Tempos hinreißen. Helmchen will nicht, wie viele gerade junge Pianisten, mit seiner eigenen Fasziniertheit von der Musik der Fasziniertheit des Publikums vorgreifen. Weberns spröde Variationen opus 27 stellt Helmchen nach der Pause vor, sie wirken wie ein kollektives Zusammenziehen aller Sinne der Hörerschaft zu äußerster Anspannung, die sich dann im Donnern von Schuberts Wanderer-Rhythmus mit einem Knall löst. Auch Helmchens Jagd durch die äußeren und inneren Stürme von Schuberts C-Dur-Fantasie ist nicht von auftrumpfender Virtuosität, sondern von der unwiderstehlichen Eleganz des Musikers, der um die kleinste Note seines Stückes weiß.

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