Vergorenes auf dem Dorfe

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Von Matthias Nöther

\r\nSicherlich ist Simon Rattle kein Dirigent, der in der Oper noch dezidiert Karriere machen will. Er dirigiert die Stücke, für die er sich eben interessiert, und dass Leoš Janáčeks Opern dazugehören, ist keine Überraschung. Sie gehören nach wie vor zu dem Repertoire des frühen 20. Jahrhunderts außerhalb der ausgetretenen Pfade, in denen man auch Opernorchestern, die sich mit allen Wassern gewaschen meinen, noch einiges Ungewohnte an Dikion, Poetik und Klangfarben entlocken kann. Die neue, leider zunächst nur fünf Mal zu sehende “Katja Kabanowa” ist eine Übernahme aus dem Brüsseler Théâtre de la Monnaie von vor dreieinhalb Jahren, die damals von dem weitaus unbekannteren Dirigenten Leon Hussain geleitet wurde.\r\n\r\nAls das Sängerensemble sich am Ende pausenlosen, hochkonzentriert dahinsausenden „Katja-Kabanowa“-Premiere an der Berliner Staatsoper im Schillertheater bejubeln lässt, sieht man sie ein einziges Mal in jenem vollen Lichtschein, der nicht zu ihr passt: die in düsterer Verwahrlosung gehaltene Bühne. Jetzt wirkt sie weniger abstrakt, ist sie mit ihrem Dreck und Matsch, dem Stroh, den Reifen, der Leiche einer Badewanne und den zerschlissenen Möbeln nicht allein mehr ein Gleichnis für die heillosen, vergorenen Beziehungen einer unbarmherzigen Dorfgemeinschaft, sondern die realistische Nachbildung von moderner ländlicher Trostlosigkeit.\r\n\r\nKatja Kabanowa muss sich nicht erst in der Horror-Wahlfamilie ihres Ehemanns Tichon vernachlässigt und erniedrigt fühlen, sondern schon in dieser Umgebung – wie eigentlich alle Protagonisten der Handlung. Mit selbstbewusstem Personalstil balanciert die Regisseurin Andrea Breth in dieser Produktion zwischen Realität und Alptraum, und das passt zu Janáčeks Stück. Die gespenstisch erkaltete Katja gleich zu Beginn in dem sperrmülligen Kühlschrank? Man wünscht sich, es wäre nur ein Symbol, aber die seelischen Grausamkeiten, die die Familie, allen voran Schwiegermutter Kabanicha, an ihre Kinder weitergibt, lassen das Publikum tatsächlich so etwas wie Frost spüren. Kongenial in die Inszenierung fügt sich die darstellerisch großartige Eva-Maria Westbroek, die als seelisch fröstelnde Katja den Abend mit hochgezogenen Schultern bestreitet. Auch die Defokussierung der Aufmerksamkeit, weg von der Hauptfigur, hin zu den sie umgebenden Personen und Zuständen, ist unverkennbar Breths Stil. Sie ist aber nicht, bezogen auf das Stück, Breths Erfindung: Katja hat sich das schreckliche Gebot bedingungsloser Unterwerfung, Verleugnung des Selbst, das sie zerstören wird, ebenso wie alle anderen Personen zu eigen gemacht – nur dass die anderen Personen bereits zerstört sind, ohne daran zu sterben. Mit Deborah Polaski als Kabanicha, Pavel Černoch als Katjas verhängnisvoller Liebhaber Boris, Anna Lapkovskaja als Ziehtochter Varvara oder Stephan Rügamer als Tichon hat Andrea Breth Sänger auf hohem Niveau zur Verfügung, aber auch Darsteller, die nicht gleich zu Karikaturen werden, sondern realitätsgetreue Personen selbst dann bleiben können, wenn sie die grausame Sinnlosigkeit selbstauferlegter Gebote in einer Gemeinschaft vorführen. Unter Simon Rattle klingt die Berliner Staatskapelle neu, ungewöhnlich: Den rohen, ungeschlachten und doch kunstvoll hergestellten Klang, der zugleich unsere deformierte großstädtische Gegenwart zeigt und rätselhaftes böhmisches Dorf ist – man muss so ehrfurchtslos arbeiten wie Rattle, um diese erdig-dreckigen Farben aus Barenboims edlem Tuschkasten herauszubefördern.\r\n\r\n \r\n\r\n 

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