Auf der Schneide

\r\n

Von Matthias Nöther

\r\nVon wieviel Feuer die derzeitige Begeisterung von Barrie Koskys Komischer Oper für das Operetten-Genre innerlich gewärmt wird, das kann man vielleicht nirgends besser sehen als in der konzertanten Aufführung von Emmerich Kálmáns Operette „Die Herzogin von Chicago“.\r\n\r\nNichts verstellt den Blick auf das Herz dieses Werks, auf Text und Musik – keine Klamotte in Pappkulisse, keine dämlichen Dialog-Kalauer, die, Verzeihung, ja irgendwie auch immer zur Operette gehören zu scheinen. Die Handlung wird von der amerikanisch-berlinischen Showgröße Gayle Tufts erzählt und zugleich gespielt – Tufts, die mit ihrem Kauderwelsch-Markenzeichen, der Sprache „Denglisch“, hier genau an der richtigen Stelle ist. Denn in der „Herzogin von Chicago“ wird der kulturelle Kampf zwischen der Alten und der Neuen Welt gezeigt, wie er sich im Jahr 1928 artikulierte. In dieser musiksatten Zeit wurde dieser Kampf mit musikalischen Mitteln ausgetragen. Ein echtes Kunststück Kálmáns: Form und Tradition der Wiener Operette werden nicht einen Moment zu verlassen. Charleston und Foxtrott dringen mit der Handlung in das Genre ein, ohne es aus den Angeln zu heben.\r\n\r\nAcht junge Damen (der Young Lady Excentric Club), Töchter der reichsten Milliardäre Amerikas, sind auf Stippvisite in Europa und haben eine Wette abgeschlossen: Diejenige soll noch ein Milliönchen dazugewinnen, die im alten Europa dasjenige entdeckt, das am schwierigsten (aber natürlich eben doch) für Geld zu kaufen ist. Mary, Tochter des Milliardärs Benjamin Lloyd, verliebt sich in Budapest in Sandor Boris, Erbprinz des K.-u.-K.-Fantasiereichs Sylvarien und fordert ihn gleich einmal in seinem Stammlokal auf, einen Charleston mit ihr zu tanzen. Prinz Sandor allerdings ist der Jazz mitsamt dieser merkwürdigen neuen Modetänze verhasst. Das Stück ist damit bei einem gesellschaftlichen Hauptthema der späten Zwanziger Jahre und bei seinem Thema angelangt, noch bevor Mary –vielleicht die sängerisch beste, auch operngemäßeste Leistung des Abends bringt hier die Sopranistin Johanni van Oostrum – dem Pleitier sein Schloss für sechs Millionen Dollar abkaufen und so nebenbei den Staat Sylvarien retten kann.\r\n\r\nTrotz des konzertanten Ambientes wird hier nicht nur gesungen, sondern auch mit Begeisterung gespielt, wie man es von dem Operetten-Fuchs Barrie Kosky gelernt hat: mit viel Schmachten, Schulterzucken, Augenrollen und Charme. Am virtuosesten und jedenfalls am komischsten beherrscht dies Annelie Sophie Müller, die als dümmliche Prinzessin Rosemarie von Morenien dem Prinzen als Vorwand dient, bloß keine hüftschwingende US-Amerikanerin heiraten zu müssen.\r\n\r\nDer ungarische Sänger Zoltán Nyári, dessen Augenzwinkern man den Zweifel am Kulturkonservatismus schon abliest, gibt mit tenoraler Strahlkraft diesen kulturkonservativen Prinz Sandor, der nur Czardas tanzen will und doch in einer atemberaubend slapstikhaften Solonummer auch tänzerisch seine Bereitschaft zum Übertritt in den Charleston demonstriert.\r\n\r\nEmmerich Kálmáns „Herzogin von Chicago“ ist eine treffsichere Entdeckung des Intendanten Barrie Kosky: ein Stück, das genau aus jenem einmaligen historischen Augenblick künstlerische Funken schlägt, als der Zweifel an einer neuen, internationalen Kultur in Deutschland noch nicht in Hass umgeschlagen war. Dass das Sujet in einem rasant sich internationalisierenden Berlin heute erneut den Geist der Zeit trifft, sieht man schon daran, dass das Publikum sich beim operettenseligen Mitklatschen nicht auf Off- oder On-Beat einigen konnte.

flattr this!