Ätzende Familie

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Von Matthias Nöther

\r\nJahrzehntelang trug sich Leonard Bernstein mit dem Gedanken, seinem Ehedrama „Trouble in Tahiti“ aus dem Jahr 1952 eine Fortsetzung zu verpassen. Die trügerische Vorstadt-Idylle aus „Trouble in Tahiti“ war Bernsteins persönliche Abrechnung mit dem American Dream gewesen. Außerdem besteht heute wenig Zweifel daran, dass der Beziehungskrieg zwischen den Figuren Sam und Dinah die Konflikte des Komponisten mit seiner Frau Felicia widerspiegelte. 1978 starb Felicia im Alter von nur sechsundfünfzig Jahren an Krebs. Bernstein war erschüttert und plante erneut die Fortsetzung seines Musiktheater-Familiendramas – nunmehr mit einer toten weiblichen Hauptfigur.\r\n\r\nIn Bernsteins Oper „A Quiet Place“, die jetzt von Kent Nagano und dem Ensemble Modern im Konzerthaus in einer Kammerfassung konzertant aufgeführt wurde, versammelt sich die Familie um den Sarg der toten Dinah. Diese ist bei einem Autounfall ums Leben gekommen – Alkohol? Selbstmord? Es bleibt lange in der Schwebe. Stoff für Diskussionen gibt es in der Familie auch sonst genug. Die Tochter Dede lebt mit dem Kanadier Francois zusammen. Dieser allerdings hatte zuvor eine Affäre mit Dedes Bruder Junior. Als diese Ménage a trois auch noch auf den trauernden Vater Sam trifft, brechen alle ungelösten Familienkonflikte wieder auf.\r\n\r\nKent Nagano als Bernsteins ehemaliger Student und einige andere Weggefährten waren der Ansicht, dass die Intimität einer Kammerfassung das Stück bissiger macht, es mehr in die Nähe der peinigenden US-Familiendramen Tennessee Williams’ und Eugene O-Neills bringt. Bernstein blieb eine ihn selbst befriedigende Fassung schuldig. Er selbst dirigierte das Stück nur in einer einzigen aufwändigen Produktion an der Wiener Staatsoper 1986, mit einer riesigen Orchesterbesetzung – zu riesig für die schnellen und spontanen Dialoge, die Bernstein eigentlich genial und vielseitig in Musik gesetzt hatte. Die späte Liebe des alternden Maestros zu sämigem, farbigem Orchesterklang stellte dem linken Dramatiker und Sozialkritiker Bernstein damals ein Bein.\r\n\r\nIm Konzerthaus zeigt sich, dass die Fassung für Kammerorchester eine exzellente Idee ist, allerdings hat man daneben mit Sängern, Musikern und Nagano am Pult eine Besetzung, die man sich nicht besser wünschen könnte – auch im Schauspielerischen. Die Solisten treten zwar im Abendanzug auf, dennoch ätzt sich ihre Darstellung der beschädigten Familiencharaktere tief in die Seelen des Publikums: Allen voran gibt der junge Bariton Jonathan McGovern einen nach Jahren der Demütigung zornig und zugleich angstvoll gegen den erfolgreichen Vater Aufbegehrenden, setzt die Sopranistin Claudia Boyle als Tochter Dede ihre Akzente durch blitzsaubere Artikulation, die bei dieser genau auf die Sprache komponierten Partitur alles andere als nebensächlich ist. Bernsteins detailgenaue Umsetzung von Sprache in Gesangslinien ist übrigens auch das einzige, was bei diesem Spätwerk noch an die „West Side Story“ erinnert. Man kann sagen, dass die musikalische Modernität, die im Herzen von Bernsteins Erfolgsmusical verborgen ruht, in „A Quiet Place“ mit Vehemenz an die Oberfläche tritt. Mit dem präzisen und doch klangsatten Ensemble Modern lässt sich das bestens aushalten.

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