Durchs Licht in die Nacht

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Von Matthias Nöther

\r\nMan sollte es nicht zu relativieren suchen: Ein hochsubventioniertes hauptstädtisches Opernhaus, das von dem Repertoire, für das es beauftragt ist, abweicht und privaten Musical-Theatern Konkurrenz macht, kann sich mit dem erräuberten Repertoire keine mittelmäßige Vorstellung leisten. Das Risiko für die Komische Oper und ihre Verantwortung dem steuerzahlenden Kulturbürger gegenüber ist also immens. Und die West Side Story ist nicht leicht zu spielen, sondern schwierig.\r\n\r\nTatsächlich wird an der Komischen Oper Berlin jetzt ein Musical auf einem Niveau und mit einer Coolness gespielt, als sei hier nie etwas anderes geschehen. Wie selbstverständlich läuft scheinbar auch der Wechsel der Inszenierungsstile: Diese neue West Side Story von Barrie Kosky, das ist etwas komplett anderes als Regietheater in deutscher Tradition. Hört man doch auf den ersten Blick: Es wird plötzlich auf Englisch gesungen (und auf Deutsch gepsprochen). Was würde bloß Herr Felsenstein dazu sagen?\r\n\r\nOder ist es doch gar nichts anders als dieses deutsche Regietheater, sondern seine bestens internationalisierte Fortsetzung? Ein Mal, ein einziges Mal, erhascht der Kritiker tatsächlich dankbar die altbewährte Lücke, die sich zwischen dem Werk und seiner Interpretation aufzutun scheint und in die man Geschichten hineinschreiben kann. Während eines großen Ensembles, das alle Personen auf die große schwarze Drehscheibe in der Mitte der konsequent leeren Bühne verbannt, führt Tony seine Maria allmählich nach draußen, aus dem ewigen Kreislauf von Slum, Gewalt und Rache. Als Maria den festen Teil der Bretter betritt, strauchelt sie kurz, als erfordere dieser kleine Schritt, ob nun für Maria oder für ihre Sängerin Julia Giebel, tatsächlich eine kleine, energische Wendung gegen den Lauf der Dinge.\r\n\r\nVielleicht ist diese Sekunde Absicht, vielleicht ein kleiner Einspruch des Regiefuchses Kosky gegen die broadwayhafte Intaktheit der Show. Vielleicht aber ist dies in der Premiere an der Komischen Oper nur aus Versehen geschehen. Dann aber war es ein Lapsus, der um so stärker die hier zu sehende perfekte Beherrschung des Handwerks bestätigt. Ein Handwerk, das in Leonard Bernsteins solitärem Meisterwerk „West Side Story“, jener Amalgamierung von Tanz, Gesang und Sozialstudie, schon die ganze Kunst zu sein scheint.\r\n\r\nAllein das wäre schon nicht wenig. Die Komische Oper garantiert Perfektion zunächst einmal durch gekonnte Reduktion. Es ist eine Aufführung, die das düstere Werk auf seine wesentlichen Elemente reduzieren will. Es gibt nur Schwarz oder gleißendes Licht. Vor allem der kleine drahtige Tänzer Daniel Therrien als Riff, ganz muskulöse Sportskanone mit jeder Menge Testosteron in den Adern, scheint diese Reduktion auf in Energie umgewandelten Hass zu verkörpern. Die Ausstattung ist gewollt spartanisch, umso plastischer und farbiger sind jedoch die Bilder aus Klang, die sie formt. Präzise austariertes Akustik-Design macht aus dem tiefengestaffelten Orchester im Graben während der Tänze der verfeindeten Jugendbanden Jets und Sharks eine harte zweidimensionale Klangwand, die die sagenhafte körperliche Energie der Tänzer (Choreographie: Otto Pichler in offenbar fantasievollster, teils fast zitathafter Anlehnung an die Ur-Choreographie von Jerome Robbins) zu verdoppeln scheint. \r\n\r\nDagegen steht ein bewusst konträr gesetztes Klangbild: der jünglinghafte Sänger Tansel Akzeybek als Tony mit einem weich, flexibel und doch strahlend in die Höhen sich schwingenden Tenor. Und noch einmal blickt Barrie Kosky, als sei es aus Versehen, hinter die Show, entlarvt den omnipräsenten Rassismus des Theaterapparats und ertappt das Show-Business im Voraus beim Verwässern von Bernsteins antirassistischer Botschaft. Müsste nicht Tony, Angehöriger der heimischen New Yorker Gang, irgendwie wenigstens ein bisschen nordisch aussehen, nicht wie der schwarzlockige Akzeybek? Und weshalb ist Maria in Gestalt der herrlich opernhaft singenden Julia Giebel keine pechschwarze, hüftschwingende Puertoricanerin, sondern eine linkische Deutsche, die, ostberlinischer geht’s kaum, eine rote Kurzhaarfrisur trägt? Sie ist der Gegenentwurf zum südländischen Männertraum, ihrer Freundin Anita (mit Sex in der Stimme und Haaren auf den Zähnen: Sigalit Feig). Die sagt zu Maria: „Stick to your own kind“. Leonard Bernsteins und Barrie Koskys kluge Botschaft hinter dieser vermeintlich perfekten Show sagt das Gegenteil.\r\n

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