Radikale Menschenliebe

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Von Matthias Nöther

\r\nMit jedem weiteren Tag, den die Hommage an Leonard Bernstein im Konzerthaus dauert, wird ihre Berechtigung deutlicher. Natürlich zweifelt auch hierzulande niemand daran, dass Bernstein eine der großen Lichtgestalten für die klassische Musik des 20. Jahrhunderts war.\r\n\r\nDoch je ferner sein Todesjahr 1990 zeitlich rückt, desto mehr gerinnt die legendäre persönliche und künstlerische Weit- und Offenherzigkeit dieses Mannes in Klischees: Lennie, der das riesige Mahler-Orchester mit Händen und Füßen zugleich antreibt; Lennie, irgendwelche befreundeten Künstler herzlich umarmend; Lennie, 1989 an der innerdeutschen Grenze als Mauerspecht. Natürlich wissen wir schemenhaft auch von den dunklen Seiten seines Lebens, von der Verkennung als Komponist, von politischen Schikanen, von der peinsamen öffentlichen Geheimhaltung seiner Homosexualität, die im Rückblick fast wie eine radikale Potenzierung von Bernsteins bedingungsloser Menschenliebe erscheint.\r\nDas jedenfalls wurde bei dem Bernstein-Klavierabend im Werner-Otto-Saal des Konzerthauses vorstellbar, den Jamie Bernstein, die Tochter des Musikers, mit angenehm unprätentiöser Freundlichkeit moderierte. Jamie Bernstein spielt sich nicht als Stellvertreterin ihres Vaters auf Erden auf, und vielleicht gerade deshalb billigt man ihr diese Rolle gerne zu. Mit ihrem Familienkonzert-Konzept „The Bernstein’s Beat“ führt sie namentlich das ideelle Erbe ihres Vaters fort, der mit „Young People’s Concert“ der wohl bedeutendste Konzertmoderator der Musikgeschichte war.\r\nIm Werner-Otto-Saal nun spielte der Pianist Sebastian Knauer spielte insgesamt 29 Klavierminiaturen, von Bernstein „Anniversaries“ genannt. Alle sind sie freundschaftliche musikalische Reflexionen über lebende und gestorbene Personen – Reflexionen, die Bernstein vom Jahr 1943 bis an sein Lebensende immer wieder angestellt hat, meist nach einem harten Arbeitstag als Dirigent bis tief in die Nacht am Klavier sitzend und fantasierend.\r\nEs sind meist eine karge, mit entwaffnender Offenheit daliegende Musik. Mit einer Souveränität, die allen musikästhetischen Ideologien von Schönberg bis Boulez Hohn spricht, bewegt sich Bernstein zwischen traditioneller Harmonik und vollständiger Atonalität. Bernstein gestaltet persönliche Temperamente: seiner früh verstorbenen Frau Felicia, seines Kollegen Lucas Foss, seiner ersten Klavierlehrerin Helen Coates, des West-Side-Story-Librettisten Stephen Sondheim und vieler anderer Freunde, Verwandter, Kollegen, Fans. Da es sich in der Regel kaum um langweilige Personen handelt, versagt sich die Musik jegliches Kontinuum, alles Gleichförmige über mehrere Takte. Stillstand und Ausbruch liegen in dieser radikal ernsthaften Klaviermusik eng nebeneinander, von Anklängen an bekannte Bernstein-Musical-Hits und Jazz ist das alles beglückend weit entfernt. Sebastian Knauer findet einen Ton, der gerade durch den direkten, unkomplizierten Zugriff des Pianisten auf die Noten eine besondere Innigkeit und Erhabenheit gewinnt. Der angeblich „populäre“ Bernstein ist in dieser radikal aufs Musikalische bezogenen Musik, die ohne die philosophische Geste auskommt, plötzlich nur noch einen Deut von jenen US-Komponisten John Cage und Morton Feldman entfernt, die, vor den strengen Ohren der Europäer, tatsächlich zu Avantgardisten wie zu Rittern geschlagen wurden. Bernstein wurde das nie. Im Konzerthaus wird es im November noch einige Gelegenheiten geben, das posthum zu revidieren.

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