Dieser lichte amerikanische Ton

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Von Matthias Nöther

\r\nEinen vor mehr als zwei Jahrzehnten gestorbenen Musiker plastisch werden zu lassen, nahezu leibhaftig anwesend, das geht wohl tatsächlich mit niemandem besser als mit Leonard Bernstein. Das Konzerthaus, das nun seine lange angekündigte „Hommage an Leonard Bernstein“ mit dem Chefdirigenten Iván Fischer eröffnete, widmet sich da einer dankbaren Aufgabe. Das Schauspiel- beziehungsweise Konzerthaus, das als Neubau aus dem Jahr 1984 mit einem ebenfalls relativ jungen Orchester – Jahrgang 1952 – zwar Tradition, aber wenig publikumswirksame Mythen vorweisen kann, greift nur allzu gerne auf das denkwürdigste Konzert zurück, das jemals in seinen Mauern stattgefunden hat:\r\n\r\nIm Dezember 1989 flog der alte, von Krankheit gezeichnete Weltstar Bernstein in Ost-Berlin sozusagen als musikalischer Zeitenwende-Tourist mitsamt einem international besetzten, „geradezu bundkarierten Orchester“ (Klaus Geitel) ein, um Beethovens Neunte zu dirigieren, in deren Finale er beim berühmten Vers „Freude schöner Götterfunken“ das Wort „Freude“ durch „Freiheit“ ersetzen ließ – eine breit strahlende, ur-amerikanische und vielleicht auch deshalb in Deutschland so gern als Gründungsmythos eines neuen Deutschland angenommene Erlösungsfantasie. Auch jenseits dieses denkwürdigen Mauerfall-Auftritts sind von Bernstein genug Dokumente vorhanden, um ihn quasi lebendig auferstehen zu lassen. Gleich zu Beginn des Konzerts mit Iván Fischer wird eine Video-Leinwand heruntergelassen, um eine kurze Episode aus Bernsteins berühmten Musikvermittlungen bei Young Peoples’ Concert mit den New Yorker Philharmonikern zu zeigen. Bernstein als kraftvoller, sympathischer Musik-Intellektueller im Zenit seines Lebens – das ist es auch, was die hier zu hörenden Stücke vermitteln.\r\n\r\nDen Anfang macht eine kurze Suite aus dem ersten großen Musical-Kassenschlager des 26-Jährigen: „On the town“ – was in Westdeutschland dann nach dem Krieg betulich mit „Heut’ geh’n wir bummeln“ übersetzt wurde. Nein, bis dahin hatten die Deutschen Leonard Bernstein nicht wirklich verstanden. Das Konzerthausorchester ist da weiter. Es ist schon ein Erlebnis, wie der Solo-Klarinettist Ralf Forster – hier stellvertretend genannt für die stilsicher jazzende und swingende Gesamttruppe – seinen weichen symphonischen Ton in allen Registern und Lautstärken mit der näselnden Klangfarbe einer New Yorker Nachtklub-Klarinette tauscht. Weiter geht es mit Bernsteins Serenade nach Platons „Symposium“ für Solo-Violine, Schlagzeug, Harfe und Streichorchester aus dem Jahr 1954. Es ist eine Musik, die in ihren simplen, harten Kontrapunkten an die späte Symphonik des Bernstein-Idols Gustav Mahler erinnern könnte, wäre da nicht dieser lichte, amerikanische Ton als Erbe von Samuel Barber und Aaron Copland, der sich bei aller Tiefgründigkeit doch den grübelnden Weltschmerz in einem öffentlichen Konzert zu verbieten scheint, weil er schlecht für die Show ist. Der chinesische Solo-Geiger Ning Feng, offenbar ein Favorit Iván Fischers, überrascht mit einem direkten, hochvirtuosen Zugriff und wird am Ende nach zwei blendend bewältigten Zugaben zu Recht gefeiert. Dass Gustav Mahlers Vierte Symphonie am Ende den unglaublichen Zugewinn an Klangkultur beim Orchester unter Iván Fischer neuerlich belegt, kann auch der hören, der sich durch einen frech rasselden Scheinwerfer an der Decke des Saals gestört fühlt.

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