Aura aus Masse und Präzision

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Von Matthias Nöther

\r\nSchon lange war dieses Konzert der Berliner Philharmoniker ausverkauft. Arnold Schönbergs Riesen-Oratorium „Gurrelieder“, uraufgeführt im Jahr 1910 in Wien, eilt immer ein wenig der Ruf voraus, dass man es wohl so schnell nicht wieder hören können wird – obwohl das zumindest in Berlin, verglichen mit anderen zugleich berühmten und vergessenen Orchesterwerken, gar nicht stimmt: 2007 führten Marek Janowski und sein Rundfunk-Sinfonieorchester das Werk in der Philharmonie auf, und auch die Berliner Philharmoniker haben es sogar unter Rattle schonmal gespielt, im Jahr 2001.\r\n\r\nDer Besucheransturm kann auch an der elefantösen Klangwirkung liegen: Rauscht allein das größtmöglich besetzte Orchester mit seinen Bläsergruppen, seinem Streicherheer, dem Schlagwerk und den diversen Zusatzinstrumenten lediglich zu einem Mezzoforte auf, kann man das zuhause an der Stereoanlage kaum adäquat erfahren: Im Livekonzert scheinen die Akustik-Elemente an der Decke des Saals ins Pendeln zu geraten, möchte man sich gelegentlich in die letzte Ecke von Block K oder dahinter verkrümeln. Nicht zuletzt das Philharmonie-Jubiläum vor zwei Wochen wird der Grund gewesen sein, diesen Goliath der Musikliteratur mit Hilfe zahlreicher Musiker-Aushilfen und dreier Rundfunkchöre (Berlin, MDR, WDR) noch einmal auf die Bühne zu hieven, denn der Klang der „Gurrelieder“ zeigt eindrucksvoll die Grenzen der Fassungskraft eines Konzertsaals wie eines abgeschlossenen Schallraums schlechthin auf.\r\n\r\nArnold Schönberg selbst allerdings ging es wohl kaum um Lautstärke, sondern um die denkbar größte Differenzierungs- und Kombinationsmöglichkeit der Klangfarben. Die Gurrelieder, die in der Harmonik relativ konventionell das romantisch mythisierte Schicksal eines verliebten mittelalterlichen Königs erzählen, sah Schönberg gleichwohl als konsequenten Schritt auf seinem Weg zur abstrakt-atonalen Klangfarbenmelodie, und er scheute sich nicht, die Uraufführung des Werks in einer Phase zu betreiben, in der er selbst der traditionellen Harmonik längst adé gesagt hatte, mit der Kombination kürzester atonaler Motive brave Konzertgänger erschreckte und in „Pierrot lunaire“ merkwürdige Experimente mit Tonhöhen der Sprechstimme unternahm – eines der größten Rätsel des Schönbergschen Oeuvres.\r\n\r\nDoch die musikalisch notierte Sprechstimme gibt es bereits in den Gurreliedern: Am Ende, wenn die königliche Geliebte längst gestorben ist und sich auch niemand mehr dafür interessiert, dass der traurige König Waldemar seit Jahrhunderten mit einem Geisterheer um den Seen jagt, da tritt ein Sprecher auf und bricht aus der rein musikalischen – und schon um 1911 nicht mehr ganz zeitgemäßen – romantischen Mittelalter-Verklärung aus: Kongenial befolgt der Bariton Thomas Quasthoff, wie ein kleiner pointierter Pfeil inmitten der amorphen Orchestermassen stehend, die komplizierte Sprechmelodie Schönbergs. Der Sprecher kündet durch sie von der wilden Jagd des Sommerwinds, der die Natur weckt und dazu anstachelt, alle alten Liebesgeschichten und Geister alter Zeit unter sich zu begraben. „Sieh! Nun ist auch das vorbei!“\r\n\r\nWas da mit dieser Schönbergschen Pointe vorbeigeht, ist bei weitem nicht nur der schieren Klangmasse nach beeindruckend: Der Tenor Stephen Gould, der einst in den USA als Musical-Sänger begann, längst aber einer der größten und glutvollsten deutschen Heldentenöre unserer Tage geworden ist, stattet den König Waldemar mit Durchschlagskraft, Textverständlichkeit und baritonalem Schmelz zugleich aus. Der finnischen Sopranistin Soile Isokowski wird von Rattle genug Raum gelassen, um vor der mächtigen Klangwand des Orchesters ihre lyrische Mozart-Stimme und alle vokalen Nuancen, die der Text erfordert, zu entfalten. Für Rattle und die Philharmoniker scheint sich der Schönklang von selbst zu ergeben, Aura erzeugt sich bereits von selbst aus dem An- und Abschwellen des massierten Klangs. Dahinter hört man jene in äußerster Disziplin und Präzision erarbeitete Freiheit des Spiels von Bläsergirlanden und Streicherlegati, die dieses Orchester zu einem idealen Interpreten dieser großen, alten Partitur werden lassen.

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