Knöcherne Behauptung

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Von Matthias Nöther

\r\nSeit 16 Jahren gibt es die Zeitgenössische Oper Berlin. Ihr Leiter Andreas Rochholl ist ein streitbarer Mann, der, wenn nicht mit künstlerischen Inhalten, so doch mit umfassenden Forderungen bezüglich der deutschen Kulturpolitik auffällt. Die Premiere der neuesten Produktion der Zeitgenössischen Oper mit dem Titel „Sphenoid“ fand am Freitag in der Parochialkirche in Mitte statt. Sie wurde von einem großen Memorandum Rochholls eingeleitet, in welchem er Kulturmacher und -politiker an ihre gesellschaftspolitische Verantwortung erinnerte. Namentlich die Musikpolitik des Bundes und der Länder richte sich meist auf vergangene Kunst, wenn sie überhaupt Ziele habe: Zuviel Geld gehe an große Institutionen wie Opernhäuser, die dann ihre „VW-Achse“ (Verdi-Wagner) pflegten. Auch würden sich Kulturvertreter kaum für innovative, teilweise politisch verfolgte Musiker wie den türkischen Pianisten Fazil Say einsetzen oder mit aktuellen politischen Krisen auseinandersetzen.\r\n\r\n\r\n\r\nSolche und andere Statements sind nicht neu, doch sie setzen trotz – oder gerade wegen – der faktischen Marginalität der Zeitgenössischen Oper im Berliner Kulturbetrieb ein Zeichen: Schließlich war Kulturpolitik mitsamt ihrer zahlreichen ideellen und finanziellen Schieflagen im Bundestagswahlkampf kaum jemandem eine Stellungnahme wert.\r\n\r\nGespannt war man deshalb auch auf die Stichprobe aus einem potenziell alternativen künstlerischen Gesamtpanorama – eine Stichprobe, wie Rochholl sie vermutlich mit seiner neuen Produktion geben wollte. Eingeleitet wurde das ganze in der Vorhalle der Parochialkirche mit einem medizinischen Schaustück in einer Vitrine: Das Keilbein („Sphenoid“) ist der titelgebende menschliche Schädelknochen Er trägt den Sehnerv zum Gehirn, sorgt somit auch für seine Verbindung mit den übrigen Sinnen wie dem Hörsinn – worauf die Zeitgenössische Oper mit ihrem Titel wohl hinauswill. Ein Programmheft wird den Besuchern zunächst vorenthalten – man solle sich auf die Klänge einlassen, vorurteilsfrei. Mutig, denn so ist die Inszenierung gezwungen, für ein wild zusammengewürfeltes Publikum von Anfang an so zwingende Zusammenhänge und gemeinsame Assoziationen zwischen zu schaffen, dass sich jede Erläuterung erübrigt.\r\n\r\nDas Gegenteil ist der Fall. Wenn eine junge Cellistin ohne erkennbare inhaltliche Funktion eine schwierige Sonate von Ligeti spielt und dabei von einem muskulösen fernöstlichen Kampfkünstler umtanzt wird, wenn sich gleich danach eine Tänzerin zu einer Klavierimprovisation exaltiert auf dem Flügel räkelt, dann kann man das nicht frei auf sich wirken lassen. Für die Möglichkeit zur freien Assoziation wirkt das szenisch zu vereinnahmend, zu direktiv – und will doch offenbar keine konkrete Bedeutung haben. Mit dem Dialog zwischen Musik verschiedener Stile, eingeschlossen Klezmer und Chanson, und Tanztheater verschiedener Couleur geht es weiter – spannender oder inhaltlich fokussierter wird es nicht. Die Behauptung, dass Hören und Sehen hier nur durch die Kraft des Publikums zu einer Synthese führen könnten, bleibt esoterisch. Ein überflüssiger Abend, der nach der vollmundigen kulturpolitischen Einleitung des Regisseurs umso ärgerlicher ist.

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