Die Sonne, die uns täuscht

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Von Matthias Nöther

\r\nBunt und laut muss es zugegangen sein 1913 in St. Petersburg bei der ersten und einzigen Aufführung von „Der Sieg über die Sonne“, geschrieben von einem Kollektiv junger russischer Futuristen. Erzählt wurde das Märchen von der Gefangennahme der Sonne durch unsterbliche Kraftmenschen und dem Anbruch einer neuen dunklen Zeit. Die Zerstörung der alten, sowohl der feudalen als auch der bürgerlichen Ordnung lag in der Luft. Die Künstler selbst waren es, die sich da die Sonne unter den Nagel rissen, um das Publikum von seinen altgewohnten Seh- und Hörgewohnheiten zu befreien, ihm den Blick auf die eigenen Traditionen zu nehmen. Die Handlung wird schon damals dunkel und chaotisch gewesen sein. Es war sicherlich kein Abend, bei dem sich das großbürgerliche Publikum behaglich in seine Sessel zurücklehnen konnte.\r\n\r\nAußer einem Libretto und ganz wenig Musik ist fast nichts geblieben von dieser Aufführung – fast nichts. Und mit diesem „fast“ erklärt die Operntruppe Novoflot, weshalb sie sich jetzt in mehreren aufeinanderfolgenden Abenden an eine ziemlich freie Neubearbeitung des „Siegs über die Sonne“ wagt. Sie vermutet, dass irgendwo immer noch die Energie im Raum schweben muss, die mit den Kräften des damaligen Publikumsskandals entfesselt wurden. Dies ist der Stoff, um in unserer Zeit ohne mutige Zukunftsentwürfe erneut freudig nach einer möglichen Zukunft zu suchen, wie es einst die Futuristen so naiv und radikal taten.\r\n\r\nSicher ist: Der dunkle, halb symbolistische, halb esoterische Plot, der hier erzählt wird, ist für die Gruppe Novoflot um den Regisseur Sven Holm ein gefundenes Fressen. Schon die ellenlange, hochspekulative szenische Bearbeitung von Bachs Weihnachtsoratorium Ende 2009 im Radialsystem sprengte jeglichen Rahmen von herkömmlichem Musiktheater sowie normaler Dramaturgie, und seitdem ist die Truppe eher radikaler geworden. Nun also ein über insgesamt fünf verschiedenartige Abende und Spielorte sich erstreckendes Spektakel.\r\n\r\nAngefangen wird im Hamburger Bahnhof. Eine Sängerin in der Mitte des dunklen Raums versucht, ein hölzernes Quadrat zusammenzunageln. Sollte es sich um das legendäre „Schwarze Quadrat“ handeln, um das Substanz gewordene Nichts, womit der futuristische Bühnenbildner Kasimir Malewitsch 1913 die Kunstwelt aufschreckte? In der Uraufführung diente Malewitschs Schwarzes Quadrat bereits als Bühnenvorhang, bevor es zu einer Ikone der russischen Avantgarde wurde. Von einem automatischen Klavier erklingt das Wagnersche Wesendonck-Lied „Träume“, dann die einzige erhaltene Originalkomposition der Futuristenoper, geschrieben 1913 von Michail Matjuschin. Überschrieben ist die Installation mit „Das Gehirn des Hauses“, wir erhalten also einen Einblick in ein Künstlergehirn vor der Formulierung einer ästhetischen Idee.\r\n\r\nSo reizvoll und verrätselt geht es am Abend in der Akademie der Künste und am nächsten Tag am gläsernen Pavillon der Volksbühne weiter. Zu den phlegmatischen Klängen neuer Kompositionen von Moritz Gagern, Aleksandra Gryka und Klaus Lang befreit sich ein Seniorenchor von der materiellen Welt, die im Laufe eines langen Lebens angesammelt wurde. Und am Pavillon wird dann unter den staunenden Augen und Ohren der Passanten von einem schwarzbärtigen Kraftsportler – sollte es einer der frechen Sonnendiebe sein? – ein Meer an herumliegendem Metall- und Textilschrott zu einem zukunftsfähigen „Klangstromkreislauf“ Die Sonne der Aufklärung jedenfalls ist besiegt, niemand hat etwas verstanden. Es soll allerdings auch niemand behaupten, er hätte sich gelangweilt und kein lebendiges, fantasievolles und zukunftsfähiges Musiktheater gesehen.

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