Verantwortungsvolles Schmalzen

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Von Matthias Nöther

\r\nDer 33-jährige Dirigent Cornelius Meister gehört einer jungen und bedächtigen deutschen Musikergeneration an. Interpreten wie er, aber auch der junge polnische Pianist des Abends Rafał Blechacz haben es von der Pike auf gelernt, mit professioneller Weitsicht eine dünner werdende Kulturlandschaft zu pflegen.\r\n\r\nRaum für selbstsüchtige Eskapaden auf dem Rücken der Werke und des Orchesters steht da nicht zur Verfügung. Blechacz spielt Robert Schumanns berühmtes Klavierkonzert in a-moll so gründlich und mit jeder Note am rechten Platz, dass man bereits ob dieser untadeligen Vollständigkeit, der Hörbarkeit von Allem und Jedem, ins Staunen gerät. Das heißt nicht, dass Dirigent und Pianist sich nicht auch ihre Freiheiten zur subjektiven Gestaltung nehmen würden. Doch alles, jeder Bogen und jede Temposchwankung, scheint so wach und bewusst durchorganisiert, dass man da an Spontaneität, gar inspirierte Zufälle kaum glauben mag. Das geht kaum besser – abenteuerlicher ginge es schon. Ein kleines Abenteuer liefert Blechacz dann in einer ungewöhnlichen Zugabe, dem Scherzo einer frühen Beethoven-Sonate, die er wohl so effektvoll, mit einer Prise Zirkusshow, in einem Beethoven-Klavierabend nicht verkaufen würde.\r\n\r\nMeister seinerseits verbreitet gute Laune und Altbewährtes: Ihm geht es um deutliche Vermittlung dessen, was die Grundsäulen des Musikrepertoires von der Klassik bis zur Moderne ausmacht. Es ist dem Dirigenten umso höher anzurechnen, wenn er – wie in seiner Zeit als Heidelberger Generalmusikdirektor – neue Kompositionen in Auftrag gibt, um der Musealisierung des Klassikbetriebs entgegenzuwirken. Doch auch das wirkt an diesem Abend mit der Berliner Erstaufführung von „Changements“ – ein Orchesterstück des schweizerischen Komponisten David Philip Hefti – wie eine Pflichtübung aus Verantwortungsgefühl. Gewiss: Hefti komponiert mit plastischer klanglicher Vorstellungskraft und weiß die Hörer mit seinem fortlaufenden, von überraschenden Ereignissen durchbrochenen Klangband in diesen „Stimmungsbildern für Orchester“ rund 15 Minuten durchaus bei der Stange zu halten. Den Rahmen der Hörgewohnheiten und die Strukturen des herkömmlichen Symphonieorchesters hinterfragt dieses Stück jedoch nicht. Das muss es auch nicht – doch muss man den Apparat „Orchester“ nun bereits innerhalb der Musik vor den Kulturpolitikern verteidigen? So scheint es fast, wenn am Ende des Stücks die Streicher noch mal so richtig romantisch schmalzen dürfen.\r\n\r\nBrahms’ Zweite Symphonie am Ende dann zeigt, wie gut sich Cornelius Meister und das DSO bei ihrem zweiten Zusammentreffen verstehen. Es ist eine packende Verlebendigung dieses Stückes, Meister wirkt durch sein Dirigat in alle Stimmgruppen gleichermaßen hinein und lässt sie kommunizieren, als würde es sich um ein intimes Stück Kammermusik handeln. Wenn er es dann am Ende doch hymnisch krachen lässt, ist man umso überraschter.\r\n\r\n \r\n\r\nHaben Sie schon gespendet? Dieser Blog ist auf Ihre Spende angewiesen!\r\n\r\n

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