Besser mit Pflanze

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Von Matthias Nöther

\r\n„Festival für europäisches Musiktheater unter prekären Bedingungen“, so lautet der Untertitel von „Move Op!“, der Musiktheater-Schau, die seit Freitag für eine Woche in der Neuköllner Oper läuft.\r\n\r\nIn anderen europäischen Ländern ist eine politische Relevanz von Oper, ist die Artikulation von gesellschaftlichen Problemen im Gewand dieser teuersten, aufwändigsten und zu politischer Repräsentation so gut zu (miss-) brauchenden Kunstform meist völlig ausgeschlossen. Die Apparate der etablierten Opernhäuser sind noch starrer und künstlerisch unbeweglicher als hierzulande – man denke an die jüngsten Streiks beim Chor der Mailänder Scala, der eine finanzielle Zulage forderte, weil er sich in einer Inszenierung der Choreographin Sasha Waltz auch etwas anderes tun sollte als zu singen. Deutschland hingegen ist das Land, in dem seit Jahrzehnten das sogenannte „Regietheater“ selbst in den repräsentativen Staatstheatern vorherrscht, also die aktualisierende und auch unbequeme Umdeutung der traditionellen Musiktheater-Stoffe. Da hat auch das insbesondere in südeuropäischen Ländern von der Opernszene geradezu isolierte musikalische Off-Theater eine reelle Chance auf Aufmerksamkeit.\r\n

Möglichkeiten von Oper nicht immer genutzt

\r\nLeider hat man nach einigen Stichproben von „Move Op!“ nicht den Eindruck, dass es tatsächlich die spezifischen Möglichkeiten von Musiktheater wären, die für eine Kritik an der skandalösen Umverteilung von Kapital in Europa herangezogen werden. Es scheint da eine Antiproportionalität zu geben: Je politischer und konkreter die Botschaft, desto weniger vertrauen die Macher auf die Wirkungskraft der Musik, geschweige denn, dass sie musikalisch Ungewohntes wagen. In „EUROpoly“ etwa, einem „Spiel mit Bürgern“, das in der Passage Neukölln als exklusives Festival-Event mit mitspielenden Zuschauern ausgetragen wird, werden Fragen, wie Musik eingebunden werden könnte, gar nicht gestellt. Mehr oder weniger interaktiv, aber sang- und klanglos wird die Eurokrise aus der kritischen Sicht von Arbeitnehmern und Kleinsparern erklärt. „Neuköllateralschaden“ ist eine Wiederaufnahme der gastgebenden Neuköllner Oper selbst. Uta Bierbaum, Alexander Capistran und Felix Kracke verkörpern im Rahmen von Brechtschem Songstil Neuköllner Charaktere vom meckernden Altmieter über das alleingelassene Mädchen bis zum religiösen Sicherheitsmann, aber auch hier öffnen sich über die Musik keine originellen Ebenen jenseits einer leidlich ironischen Sitcom.\r\n

Private Schicksale statt abstrakter Kritik

\r\nMusikalisch relevant wird es – wie so oft in der Operngeschichte – dann, wenn es um private Schicksale geht, die sich vor einem nur vage gezeigten politischen Horizont ereignen. Die schottische Kurzoper „The Garden“ von John Harris ist ein Beispiel dafür. Sie spielt in einer beklemmend kleinen Wohnung, worin das Ehepaar Mac und Jane seit sieben Jahren lebt. Mac absolviert einen wissenschaftlichen Gastaufenthalt zur Erforschung des Klimawandels. Jane sitzt den ganzen Tag verzweifelt zuhause und sieht eines Tages begeistert einen Apfelbaum aus ihrem Küchenboden sprießen. Macs Forschungen stellen sich als irrelevant heraus, und doch ist er nicht in der Lage, den Apfelbaum als Symbol von umweltpolitischer Hoffnung und privatem Glück zu deuten. Klug besinnen sich die Darsteller Pauline Knowles und Alan McHugh auf einen sehr alten Gründe, weshalb in der Oper gesungen wird: die seelische Ausnahmesituationen Liebe, Hass und Verzweiflung.\r\n\r\n \r\n\r\nHaben Sie schon gespendet? Dieser Blog ist auf Ihre Spende angewiesen!\r\n\r\n

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