Verscharrt im Freischwimmerbecken

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Von Matthias Nöther

\r\nWerke der Opernliteratur offenbaren das Innerste ihres Charakters am besten dann, wenn man sie des Mantels repräsentativer Hochkultur völlig entkleidet, wenn man den ganzen angeblich nötigen Apparat zu ihrer Aufführung samt symphonisch besetztem Orchester, schwerem Samtvorhang, Pausensekt und Programmheft weglässt. So geschieht es in der Inszenierung von Beethovens Oper „Fidelio“ im Stadtbad Steglitz. Das kleine Jugendstil-Bad außer Betrieb, das bereits seit etlichen Jahren von Theatergruppen und Musikensembles bespielt wird, ist zur Zeit eine Baustelle. Vermutlich, weil die Eigentümerin Gabriele Berger es für seinen neuen Zweck als Kulturspielstätte Clubtheater nun konsequent rüsten will, hat man die links und rechts vom Becken aufgestellten hölzernen Umkleidekabinen herausgerissen. Stefan Neugebauer, der Regisseur des „Fidelio“, hat sich ausbedungen, die Türen der Kabinen in den tiefen Teil des Beckens zu legen, damit sich Leonore und Rocco zum Zweck einer heimlichen Grabaushebung im zweiten Akt effektvoll an ihnen zu schaffen machen können.\r\n\r\nWer in Neugebauers „Fidelio“ vor spektakulär trümmerhafter Kulisse allerdings ein hyper-realistisches Spektakel in einem „fast echten“ spanischen Staatsgefängnis alter Zeit erhofft, wird enttäuscht. Zu gewissenhaft und notengetreu wird hier versucht, musikalische Funken aus einer sperrigen Partitur zu schlagen, die auch für ausgewachsene Opernorchester und -ensembles nicht mit links zu bewältigen ist. Wer indes angesichts der kleinen Combo mit Streichquintett, Klavier, vier Bläsern und Pauke eine neutralisierte Studio-Fassung von Beethovens dramatischer Rettungsoper befürchtet, wird angenehm überrascht von der akustischen Tragweite auch dieser Besetzung, wenn auch die ganze Angelegenheit recht hallig daherkommt und Kapellmeister Helmut Weese am Klavier oft Mühe hat, Sänger und Musiker von der Tiefe des Beckens bis zur Höhe der Galerie gänzlich zusammenzuhalten.\r\n

Tiefer Ernst und gnadenlose Unbedingtheit

\r\nZunächst einmal: Der wahre Charakter, den dieser gleichsam nackte „Fidelio“ auf der Bad-Baustelle offenbart, ist derjenige tiefen Ernstes und gnadenloser Unbedingtheit der moralischen Aussage. Dies liegt nicht zuletzt an einer wirklich grandiosen Ilona Nymoen als Leonore, in deren fein nuanciertem, kompromisslosen Spiel alle Leidenschaft, Angst und Zerrissenheit der liebenden, sich zum Zweck der Gefangenenbefreiung als Mann verkleideten Ehefrau zum Ausdruck kommen. Während der Regisseur sämtliche immer etwas peinliche Sprechdialoge des Stückes im spanischen Staatsgefängnis aufs Äußerste verknappte, erstickt Nymoen mit heiligem Ernst und jugendlich-dramatischem Sopran die Tendenzen von Beethovens Opernsolitär zum abstrakten, verstaubten Humanismus einerseits, zur unfreiwilligen Klamotte andererseits.\r\n\r\nIn der extrem anspruchsvollen Partie ihres eingekerkerten Ehemanns Florestan bleibt der Tenor Thomas Andersson stimmlich kaum hinter dieser Leistung zurück. Leonores Gegenspieler, der fiese Gouverneur Pizarro, wird von Benoit Pitre mit einem mächtigen Bariton versehen. Hansjörg Schnass kann mit einer soliden Darstellung des zwischen den Fronten stehenden Kerkermeisters Rocco punkten, Kathleen Morrison als seine Tochter Marzelline und Laurent Martin als Pförtner Jaquino passen sich bestens in die schwierige akustische Balance in den Ensembleszenen ein – Szenen, die das gesamte alte Stadtbad trotz aller Spartanik der Ausstattung zum Schwingen bringen.\r\n\r\n \r\n\r\nHaben Sie schon gespendet? Dieser Blog ist auf Ihre Spende angewiesen!\r\n\r\n

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