Einfühlung nicht obligatorisch

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Von Matthias Nöther

\r\nDer 39-jährige Dirigent Edward Gardner, der am Freitag sein Debüt beim Deutschen Symphonie-Orchester in der Philharmonie gab, versteht sein Handwerk nicht als Versuch der Einfühlung in ein Kunstwerk, sondern als Kunst des technischen Organisation dieses Kunstwerks – zu dem Zweck, dass das Publikum sich einfühlen kann. Für den Abend ist dies die beste Stoßrichtung. Wie oft hat man schon in Béla Bartóks „Konzert für Orchester“ das anfängliche Streicherbass-Rezitativ und den quer davon wegschwebenden Violinen-Akkord als einen dunkel dräuenden Romantizismus gehört. Gardner dagegen kantet die Ebenen klar gegeneinander, denn schließlich ging es Bartók in diesem letzten Werk nicht um geheimnisvollen Seelenbotschaften, sondern um innovative musikalische Gedanken, die nüchtern von den Eigenheiten der Instrumente her gedacht sind. Auch die von Bartók mutwillig gefälschte Sinnlichkeit des vierten Satzes mit jener gezwirbelten musikalischen Schmalzlocke vermittelt Gardner dem Orchester detailliert, aber sachlich. Gefühle darf dabei nur der Hörer zeigen – wenn er sich vom Komponisten unbedingt auf die falsche Fährte locken und dann umso schmerzhafter die grellen Posaunencluster um die Ohren hauen lassen will.\r\n\r\nEdward Gardners Verständnis von perfekter Technik, die alle Emotion möglich macht, aber sie zu fühlen dem Publikum überlässt, deckt sich am besten mit der Musik der „Four Sea Interludes“, den Zwischenspielen aus Benjamin Brittens Oper „Peter Grimes“. Brittens Musiksprache um 1945 war ebenfalls eine, die zwar noch mit den Klangmitteln des romantischen Orchesterapparats arbeitet, jedoch jene musikalischen Klischees verweigert, die „von selbst“ diesem Apparat entspringen würden, wenn man als Komponist nicht aufpasst. Das DSO unter Gardner spielt gleich die erste „Morgendämmerung“ gnadenlos hart und klar, ohne jeglichen Schmelz. Deutlich wird in der Interpretation auch der übrigen Sätze jene Haltung des Opernkomponisten Britten, die fast expressionistisch anmutet: Es wird zwar in den Stücken nicht die eigentliche Handlung der Oper transportiert – doch gerade das Fahle, Trostlose dieser musikalischen Naturschilderungen zeigt die Unbehaustheit des Fischers Peter Grimes inmitten einer feindseligen Dorfgemeinschaft.\r\n

Auch die ganz eigene Expressivität von „Der Tod der Cleopatra“, Hector Berlioz’ Solokantate für Sopran und Orchester von 1829, ist das Orchester bestens gewappnet. Cleopatras Klage vor ihrem Selbstmord mit Schlange ist von einer indirekten Gefühlssprache. Der junge Berlioz war an den edel distanzierten musikalischen Affekten der Pariser Oper geschult – aber eben auch am viel unmittelbarer zupackenden Vorbild Beethovens. So ist der frappierendste Teil der Schluss: das in Herzschlägen gnadenlos auskomponierte Verlöschen des Lebens. Anna Caterina Antonacci als Cleopatra singt (und spielt) königlich – zeigt also durchaus die hoheitliche Distanz der Königin zu ihrem Schicksal als Privatperson. Ein Konflikt, den sie dann in allen Farben in ihrem Gesang austrägt. Eine Meisterleistung.

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