Keine Simulation von Gedankenschwere

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Von Matthias Nöther

\r\nKent Nagano und das Deutsche Symphonieorchester sind von einer Tournee nach Baden-Baden, Lugano, Frankfurt und Dresden zurückgekehrt und präsentieren ihr Programm noch einmal in der heimatlichen Philharmonie. Für Nagano, den innovativen und gefeierten einstigen Chefdirigenten des DSO bietet sich im Vorfeld dieses eigentlich konservativen Programm (Richard Strauss und Johannes Brahms) an diesem Abend gleich einmal die Gelegenheit, bescheiden darauf hinzuweisen, dass der Name Nagano eigentlich auch für ein anderes Repertoire steht:\r\n\r\nSo widmet der Dirigent das Konzert in einer kurzen Ansprache dem uralt gewordenen, nunmehr verstorbenen Komponisten Henri Dutilleux – schließlich ist das DSO eines der wenigen Orchester, die bis in die jüngste Zeit Werke des letzten französischen Klassikers der Moderne auf dem Programm hatten.\r\n\r\nNagano beschließt das Konzert mit Brahms’ Erster Symphonie. Er simuliert dabei nicht theatralisch jenes gedankenschwere Ringen um die symphonische Form an sich, jenes Ringen, das bekanntlich den Kompositionsprozess dieses Werkes ausmachte. Nein, dieses schwerblütige Werk, so scheint Nagano zu sagen, braucht eine leichte Hand, und die kann man sich heute bei diesem oft gespielten und von Orchestern gut gekannten Stück auch leisten. Mit schlafwandlerischer Sicherheit setzen Nagano und das Orchester plausible Tempi, alles scheint am richtigen Platz, doch wird nicht geleugnet: Es könnte vielleicht auch anders sein. Das absolute, zwingende So-und-nicht-anders der Brahms-Dirigate von Barenboim bis Thielemann geht Nagano ab, dafür kennt er die Denkprozesse, die Zweifel, welche die Entstehung eines großen Musikstücks begleiten, zu gut durch seine häufigen Dirigate der Musik lebender Komponisten. Namentlich die Streicher pflegen in der Schlusshymne wie selbstverständlich ihr samtiges und doch immer vorwärts gedachtes Spiel, man hat das Gefühl, einer kaum subjektiv gefärbten Brahms-Interpretation beizuwohnen. Vielleicht wäre indes mehr Subjektivität nötig gewesen, um die Klangbalance deutlicher zugunsten der Bläser zu gewichten, deren Soli nicht immer schnell genug aus dem Dickicht des orchestralen Kontrapunkts auftauchen.\r\n\r\nRichard Strauss „Don Quixote“, jene „Fantastischen Dichtungen über ein Thema ritterlichen Charakters“, ist gewiss radikal szenisch gedachte Musik, bei Nagano jedoch durchaus kein Vorläufer einer völlig der Szene versklavten Filmmusik. Die Eskapaden der Instrumentengruppen bergen an sich genug Zündstoff, sie müssen nicht extra grell herausgestellt werden und die thematischen Zusammenhänge sprengen, das DSO vermeidet allzugroße Bizarrerien. Und so meint man, dass das allgegenwärtige „Don-Quixote“-Thema den wirren Abenteuern des Ritters von der traurigen Gestalt doch einen Rahmen gibt, der nur aus musikalischem Denken herrührt. Es reicht, wenn der Cello-Solist Gautier Capuçon mit dick aufgetragenem Vibrato und theatralischer Geste die Stichworte für das Orchester gibt, schelmisch begleitet von Sancho Pansa in der Gestalt der Bratsche von Annemarie Moorcroft.\r\n\r\n \r\n\r\nHaben Sie schon gespendet? Dieser Blog ist auf Ihre Spende angewiesen!\r\n\r\n

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