Dreiecksverhältnis mit Don Giovanni

\r\nSøren Kierkegaard, der große dänische Denker und diesjährige Jubilar, interessierte sich nicht besonders für Kunst – mit Ausnahme der Musik. Zeitweise ging er jede Woche in die Königliche Oper von Kopenhagen, seine blitzgescheiten, skizzenhaft aufgezeichneten Gedanken über Stücke wie Mozarts „Don Giovanni“ sind Legende. Außer Kopenhagen sah Kierkegaard in seinem Leben nicht viel von der Welt – mit Ausnahme Berlins. Dort hörte er Vorlesungen unter anderem des idealistischen Weltumspanners Schelling. Kierkegaards zerstörerische Abarbeitung am deutschen Idealismus gehört noch vielmehr zum landläufigen Bild dieses Philosophen als seine innige Beziehung zur Musik.\r\n\r\n\r\n

Das intellektuelle Dreiecksverhältnis von Musik, Berlin und Kierkegaard sollte der fruchtbare Kern sein, aus dem das Konzerthausorchester gemeinsam mit dem Dirigenten Thomas Dausgaard ein Programm formte. Das Konzert genoss man – es war musikalisch inspiriert, vielseitig und ungewöhnlich. Die kluge programmatische Absicht indes hat man eher gemerkt als genossen. Das Konzerthaus hat sich nicht so recht entscheiden können, ob nun der Geist des Wahlberliners Kierkegaard oder ein allgemeines skandinavisches Flair oder doch nichts von beidem durch das gesamte Programm wehen sollte.

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Da ist zu Beginn die berühmte Ouvertüre zu Mozarts „Don Giovanni“. Orchester und Dirigent sorgen mit Verve dafür, dass dieses Kierkegaard-Lieblingsstück nicht in routiniertem Populismus abgenudelt wird, sondern dass jedes Thema seine besondere Artikulation besitzt, dass die finsteren Klippen des Beginns auch gehörig spitz aufragen. Das anschließende Flötenkonzert von Carl Nielsen ist gewiss ein gewitztes, viel zu selten gespieltes Stück – hörbar inspiriert von Strawinskis Neoklassizismus, zeigt der Komponist – abgeklärt gespielt vom Solisten Pirmin Grehl – doch eher Biegsamkeit und Spontanität der Einfälle, als dass ein bestimmter Kompositionsstil stur untermauert werden soll. Aber wo ist da jetzt noch der Kierkegaard, der im Entstehungsjahr 1926 schon über 70 Jahre tot war? Da es sich doch offenbar um ein vor allem auf stilistische Vielseitigkeit ausgelegtes Konzertprogramm und nicht um eine Kierkegaard-Hommage handelt, wirkt der Rezitator Detlef Bierstedt mit seinen Kierkegaard-Zitaten doch etwas verloren zwischen den Orchestermusikern.

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Bruckners Sechste Symphonie, immerhin den gesamten zweiten Teil des Konzerts umfassend, hat dann weder mit Berlin noch mit Kierkegaard noch mit Dänemark zu tun – außer, dass der Däne Dausgaard sie sich ausgesucht haben könnte. Das ist zu vermuten, so ideenreich und unmittelbar, wie er das eher selten gespielte Werk interpretiert. Glutvoll und dennoch klar unterteilt erklingen die langen Phrasen im ersten Satz, bestens abgestuft lässt das volle Orchester Bruckners kühne chromatische Sequenzen in voller Lautstärke bergab rauschen. Dieses eine Mal scheint der skrupulöse Bruckner keine Angst vor der strengen Kritik der Freunde und des Publikums gehabt zu haben – vielleicht verbindet ihn das am Ende doch mit dem störrischen Søren Kierkegaard.

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