Leidlich locker für 15.000 Euro

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Von Matthias Nöther

\r\nEs hat wahrlich schon mitreißendere Finali des Deutschen Dirigentenpreises im Konzerthaus am Gendarmenmarkt gegeben. Allerdings ist die Konstellation dieser Festkonzerte, die alle zwei Jahre stattfinden, grundsätzlich nicht gerade das Setting, das junge Orchesterleiter zum Mitreißen des Publikums anregt. Vor dem Konzert haben die drei Dirigenten und Dirigentinnen, vom Dirigentenforum des Deutschen Musikrats über Jahre beobachtet und beraten, detaillierte Proben mit dem Konzerthausorchester absolviert. Dort wurde von den Orchestermusikern und Dirigierprofessoren wohl gehörig an ihnen herumgezupft. Locker und spontan wird man da nicht, wiewohl man sich tunlichst darum bemühen sollte. Schließlich räumt der Dirigent/die Dirigentin mit der überzeugensten Pult-Performance 15.000 Euro ab.\r\n

Spannungsgeladenes Orchester

\r\nGewonnen hat den Preis am Ende die aus Estland stammende Dirigentin Kristiina Poska (Jahrgang 1978), die dem Berliner Publikum zuletzt positiv mit ihrem Dirigat von „Hänsel und Gretel“ an der Komischen Oper aufgefallen ist. Tatsächlich hat auch das Konzerthausorchester unter Poskas Leitung in der Suite aus Leoš Janáčeks Oper „Das schlaue Füchslein“ am schönsten, am interessantesten, am durchsichtigsten geklungen. Das muss aber, mit Verlaub, nicht an der Dirigentin gelegen haben. Vielleicht hatte Poska einfach Glück, dass sie als erste dran war und somit ein spannungsgeladenes, bestens disponiertes Orchester zur Verfügung hatte. Schließlich machte auch Poska mit ihrer abgezirkelten Dirigier-Choreographie nicht den Eindruck, als würden sich ihr durch die ungeheure Inspiration des Konzert-Augenblicks ganz neue Seiten des Orchesters erschließen.\r\n

Glück und Pech

\r\nKristiina Poska also lachte vermutlich das Glück der frühen Stunde, während ihr Kollege Ivo Hentschel deutlich schlechter dran war. Gustav Mahlers Symphonische Dichtung „Todtenfeier“ (später einmal sollte sie der Kopfsatz seiner bekannten Zweiten Symphonie werden) ist vielleicht auch nicht gerade das munter funkelnde Paradestück für einen Wettbewerb, eher kann zwischen den bizarren Zacken und finsteren Einbrüchen der Mahlerschen Partitur einiges schiefgehen.\r\n

Kunstkiller: Dank an die stiftende Bank

\r\nSo gleich der Anfang, denn ein Orchester, das auf der Bühne stumm zwanzig Minuten Lobreden auf den großzügigen Stifter, eine Bank, absitzen muss, ist eben nicht mehr ganz so spannungsgeladen. So großzügig war die dann ja auch gar nicht, sonst hätte man ja vielleicht mal Sekt für alle spendieren können, und nicht nur für ein paar geladene Gäste mit weißem Plastikband, die sich in der Pause wie bei sich zu Hause mit ihren Getränken in einer gated area verschanzten. Großmäulig, spießig, kleinkariert, bescheuert. Das kompetente Publikum, die ganzen längst vergessenen Dirigenten der von der Bank gestifteten vergangenen Wettbewerbe, fanden sich in der anderen Seitenlounge, aber dort musste man den Sekt bezahlen.\r\n\r\nWas die unmittelbare musikalische Leistung im Konzert angeht, hätte man auch der zweiten Frau des Abends, der 1980 geborenen Eun Sun Kim aus Südkorea den Preis geben können, die in Debussys „La mer“ eine elegante, wenn auch etwas unverbindliche Vorstellung abgab. Vielleicht muss man eine Veranstaltung, die Dirigieren als Wettbewerb auffasst, aber auch einfach nicht so ernst nehmen. Deswegen haben die beiden Verlierer zum Trost auch jeweils 10.000 Euro bekommen.\r\n\r\nBleibt noch zu sagen, dass die drei Kandidaten sehr fleißige, begabte und für ihre Kunst brennende Menschen sind. Sie haben das Geld verdient, aber auch etwas mehr Kunstsinn als er in so einem Wettbewerb zum Vorschein kommt.\r\n\r\n \r\n\r\n \r\n\r\nHaben Sie schon gespendet? Dieser Blog ist auf Ihre Spende angewiesen!\r\n\r\n

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