Zupacken oder schunkeln

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Von Matthias Nöther

\r\nEin Schmunzeln geht über die Musikergesichter der Akademie für Alte Musik Berlin, als Christine Schornsheim auf einem kleinen Original-Hammerflügel von 1812 ein Rondeau-Thema des Prinzen Louis Ferdinand von Preußen anstimmt. Nun ja, Louis Ferdinand mag von seinem Günstling Beethoven als begabter Musiker gepriesen worden sein. Aber diese Schunkelmusik, schnell noch mit den üblichen Verzierungen des empfindsamen Zeitalters versilbert, wird schon zu ihrer Entstehungszeit von Kennern vor allem wegen der blaublütigen Herkunft ihres Urhebers geschätzt worden sein, nicht wegen ihrer bahnbrechenden musikalischen Gedanken.\r\n\r\nDie lagen – und dieser Kontrast scheint vom Orchester nach der Pause beabsichtigt – in Beethovens eigener Erster Symphonie. Vieles kann man in diesem vor Leben und Gedankenfülle berstenden Werk noch einmal neu entdecken, wenn es unter der Leitung von Marcus Creed auf historischem Instrumentarium musiziert wird. Zwar würde man sich vom Dirigenten ein noch stärkeres Zupacken wünschen – etwa im zweiten Satz drängen eher die Musiker energisch voran als der Chef –, doch es ist auf allen Seiten genug musikantischer Instinkt vorhanden, um in dieser charakterstarken Musik das revolutionäre Gefühl eines selbstbewussten Bürgertums dem heutigen Hörer zu vermitteln.\r\n

Charaktere auf engstem Raum

\r\nCharakterstark, mit wenigen Strichen scharf konturiert sind alle diese Stücke von Komponisten, die sich wie Beethoven in den europäischen Musiker-Netzwerken des Revolutionszeitalters bewegten. Mit den Furien, den Feen und dem Harlekin in einer Ballettmusik möchte E.T.A. Hoffmann, der berühmteste Beethoven-Bewunderer der Epoche, offenbar Rekorde in der Kunst der Charakterisierung auf engstem Raum aufstellen.\r\n

Revolution im Flüsterton

\r\nBeethovens älterer Kollege Johann Friedrich Reichardt war in den Gedanken seiner Sinfonie G-Dur eher beharrlich und nicht so knapp, ja sprunghaft wie Beethoven. Wie erfrischend und unterhaltsam Reichardt dabei dennoch sein konnte, zeigt das Akamus-Orchester: Die Streicher setzen gleich das erste Thema so leicht an, dass man es förmlich zur Decke des Saals federn hört. Christine Schornsheim spielt dann noch das Klavierkonzert eines gewissen Johann Gottlieb Naumann auf einem seltsam leisen Tangentenflügel – einem Instrument, bei dem statt Hämmern kleine Holzstäbchen gegen die Seiten geschleudert werden. Verglichen mit dem Krach der heutigen Großstadt gingen die Stürme der Französischen Revolution und der zugehörigen musikalischen Epoche offenbar weitgehend im Flüsterton vor sich.\r\n\r\n \r\n\r\nHaben Sie schon gespendet? Dieser Blog ist auf Ihre Spende angewiesen!\r\n\r\n

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