Zwischen Feinsinn und ekstatischem Ausbruch

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Von Matthias Nöther

\r\nDie Staatsoper im Schillertheater ist genau die richtige Liederbühne für Magdalena Kožená. Über der Klavierbegleitung des Hausherrn Daniel Barenboim umfasst die Sängerin diesen Raum teils glutvoll, teils sanft, immer souverän mit ihrem spielerisch leicht ansprechenden und dann voll strömenden Mezzosopran. Wirkt ihr Klang bei den großen Philharmoniker-Konzerten mit Rattle fast zu feingliedrig und zart für die große Geste, die der Raum verlangt, so macht sie im Schillertheater eher den gegenteiligen Eindruck: eine klanglich mit dem breiten Pinselstrich arbeitende Opernsängerin, die sich ins unbekannte, feinsinnige Liedrepertoire vorarbeitet.\r\n\r\n\r\nDabei hört man gleich zu Beginn, wie genau Magdalena Kožená die Mitte erfasst hat zwischen dem stimmlichen Ausbruch und den feinziselierten, schnell wechselnden Figuren des barocken Gesangs. Denn Joseph Haydns Kantate „Arianna a Naxos“ braucht beides in stetigem Gleichgewicht – sie weist keineswegs in die Wiener Klassik hinein. Bei den bitter seufzenden und scharf schneidenden Anklagen an Ariannas ungetreuen Geliebten Theseus ließ sich Haydn vom barocken Madrigal-Meister Claudio Monteverdi inspirieren und hatte damit auch noch zu Zeiten der Französischen Revolution beim Publikum viel Erfolg. Der überzeugte Romantiker Barenboim am Klavier, oh Wunder, zeigt schon in den sparsamen Begleitakkorden für die Rezitative, dass er sich mit beachtlichem Stilgefühl auch in der Epoche der höfisch ritualisierten Affekte bewegen kann – wenngleich so manche begleiterische Subtilität in den schwarzen Wänden des Riesen-Steinways hängen bleibt.\r\n

Bis zum Delirium und darüber hinaus

\r\nDagegen kann Kožená mit Barenboim auch das zeigen, was ihr im barocken und frühklassischen Gesang meist verwehrt bleibt: ihre Fähigkeit, einen Saal stetig mit breitem Ton zu fluten, unter Hochdruck selbst im Piano – wie bei den Ariettes oubliées, mit denen sich Claude Debussy noch nicht ganz von den Dauerwallungen des Wagnerschen Chromatismus lossagen wollte und Flöte und Cello . Denn natürlich, auch in den Gedichten von Paul Verlaine geht es um Extase bis zu Ermattung und Delirium und darüber hinaus.\r\n

Von der Sprache her

\r\nMaurice Ravels Chansons madécasses von 1926, in denen der Komponist 1926 seine Eindrücke von einer Madagaskar-Reise vertonte, sind von anderer Natur und geraten zum künstlerischen Höhepunkt des Abends. Ravels musikalisiert die Verse sparsam, und so zeigt Magdalena Kožená hier konsequent, wie sehr sie ihre musikalische Gestaltung von Sprache und Artikulation her entwickelt. Béla Bartóks Dorfszenen schließlich sind ein Volksfest für Feingeister: Kožená und Barenboim können, in fahlen, vibratolosen Tönen, die Angst der Bauern vor dem plötzlichen Tod der Kinder ebenso inszenieren wie den übermütigen Tanz der Burschen vor der Hochzeit. Viel Beifall im Schillertheater und vier Zugaben, die noch einmal Vielseitigkeit und Neugier dieser großen Sängerin jenseits der Repertoire-Pfade unterstrichen.\r\n\r\n \r\n\r\nHaben Sie schon gespendet? Dieser Blog ist auf Ihre Spende angewiesen!\r\n\r\n

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