Alles aus einer Kralle

\r\nWie würde sich der Ex-Generalmusikdirektor der Stuttgarter Staatsoper, Manfred Honeck, bei seinem Debüt bei den Berliner Philharmonikern schlagen? Und warum überhaupt? Das fragte mich die SWR2-Redaktion “Cluster”. Ich antwortete. Das prominenteste deutsche Orchester im Berliner Konzertalltag, erklärt für Südwestdeutschland (SWR2 Cluster, gesendet am 8. Februar um 15:05) von\r\n\r\n

Matthias Nöther

\r\nVon den Tourneen der Berliner Philharmoniker außerhalb ihrer Heimatstadt ist man gewohnt: Das berühmteste deutsche Orchester tritt nur mit ebenso berühmten Dirigenten auf. Blickt man auf den Berliner Konzertalltag der Philharmoniker, merkt man: Das ist nicht so. Manfred Honeck wird im internationalen Dirigenten-Ranking zwar durchaus nicht schlecht gehandelt. Dennoch besitzt sein Name nicht die Strahlkraft, die das Publikum schon von selbst ins Konzert lockt. Doch der Österreicher wurde vermutlich aufgrund anderer Qualitäten ausgewählt. Zuhause müssen die Philharmoniker in dichter Folge teilweise ungewohnte und schwierige Programme bewältigen, und sie müssen dafür immer wieder viele neue Dirigenten ausprobieren. Die brauchen zwar internationale Erfahrung, aber nicht für jedes Werk kann man extrovertierte Pultstars wie etwa einen Gustavo Dudamel brauchen. Und manchmal braucht man auch einfach zu einem berühmten Konzertsolisten noch einen Dirigenten, der dem Solisten nicht die Show stiehlt.\r\n\r\nBeim Konzert gestern mit Anne-Sophie Mutter war vermutlich dies der Hintergrund, der zum Debüt Manfred Honecks bei den Berliner Philharmonikern führte. Die Star-Geigerin, als junges Mädchen vom legendären Philharmoniker-Chef Herbert von Karajan entdeckt, hat gerade in Westberlin immer noch eine umfangreiche Anhängerschaft. Dafür ist der erste Teil des Konzerts dann allerdings auch meistens eine Anne-Sophie-Mutter-Performance.\r\n\r\nSo war es auch gestern: In Antonín Dvořáks Violinkonzert war Mutter diejenige, die die Zügel fest in der Hand hielt. Sie machte durchaus von ihren Erfahrungen Gebrauch, ein Orchester von der Geige aus zu leiten – zuweilen am Dirigenten vorbei und nicht immer zum Besten der Stücke. Dvořáks F-Moll-Romanze für Violine und Orchester, die das Konzert einleitete, litt sehr unter der harten Hand von Anne-Sophie Mutter, die hier auch selbst noch nicht zu einer organischen, leichten Bogenführung gefunden hatte. Der Einstieg wäre sicherlich besser geglückt, hätte sie einen größeren Teil der Verantwortung an ihren Dirigenten abgegeben.\r\n\r\nAuch im folgenden Violinkonzert gelang das nicht. Zwar war die Solistin hier weitaus souveräner und ließ ihren gewohnt glänzenden Ton strahlen, aber sie hielt das Orchester vom Eröffnungs- bis zum Schlusssatz unter einem merkwürdigen Bann, den man gerade von den sonst so einzigartig frei und autonom agierenden Philharmonikern nicht gewohnt ist. Die Orchesterzwischenspiele des ersten Satzes waren zu kurz, als dass Manfred Honeck dem Orchester diese Freiheit hätte zurückgeben können, und auch im dritten Satz war nach dem etwas steifen Beginn der Solistin nicht mehr der Raum, dem Allegro giocoso die angemessene federnde Leichtigkeit zu geben.\r\n\r\nDie Berliner Philharmoniker haben Manfred Honeck offenbar die Rolle des soliden, unauffälligen und handwerklich stupenden Kapellmeisters zugedacht, und im zweiten Teil des Konzerts konnten beide Seiten von diesen Eigenschaften wesentlich besser profitieren. Zu hören war Witold Lutoslawskis Konzert für Orchester aus dem Jahr 1954, das wohl bekannteste Orchesterstück des polnischen Avantgardisten, der in diesem Jahr hundert geworden wäre. Interpretatorisch gestalten konnte Honeck auch in diesem streng und dicht konstruierten Werk wenig, doch er konnte durchaus seine Qualitäten als Koordinator hochvirtuoser orchestraler Abläufe beweisen.\r\n\r\nDie sprichwörtliche Freiheit im Spiel der Berliner Philharmoniker allerdings kam auch in dem Lutoslawski-Stück an diesem ersten von drei Abenden mit dem Programm noch nicht voll zur Entfaltung. Zwar bewältigten die Philharmoniker die immensen spieltechnischen Schwierigkeiten im Konzert für Orchester unter Honecks Leitung souverän, doch die Musiker waren viel mit der Koordination untereinander und wenig mit der Kommunikation zum Pult hin beschäftigt. Man kann Manfred Honeck nur wünschen, dass er die Berliner Philharmoniker noch einmal dirigieren darf – mit einem Programm, das ihm als Interpreten mehr Raum gewährt.\r\n\r\n \r\n\r\nHaben Sie schon gespendet? Dieser Blog ist auf Ihre Spende angewiesen!\r\n\r\n

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