Wir Nomaden auf der Drehscheibe

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Von Matthias Nöther

\r\n„Und ich wandle sondermaßen ohne Ruh und suche Ruh.“ Es ist der paradoxe Sinn, der die Form dieser Zeile aus Schuberts Lied „Der Wegweiser“ so merkwürdig ungeschickt, eckig erscheinen lässt. Sehnsucht nach und Verweigerung von Ruhe den Rezipienten am eigenen Leib erfahren zu lassen, das kann Musik eher als Theater. Ein Theater in einen unwirtlichen Nicht-Ort, in eine echte Durchgangsstation wie im wirklichen Leben von uns modernen Nomaden zu verwandeln, erfordert einigen Aufwand. Die Musiktheater-Kompanie Novoflot tut für ihre Fassung von Franz Kafkas „Schloss“ ihr möglichstes, dem Kulturbürger das Gefühl des Ankommens im heimelig subventionierten Theaterhaus zu nehmen.\r\n\r\nNur geschlagene 10 Minuten dürfen wir anfangs auf den Rängen einer Seitenbühne auf Sandsäcken sitzen und zuschauen, wie zwei etwa neunjährige Mädchen Exemplare von Kafkas Roman „Das Schloss“ seitenweise auseinanderreißen und neu zusammensetzen – nicht mal in Büchern darf man sich jetzt noch zu Hause fühlen. Mit Kafka-Zitaten werden wir auf die riesige Bühne gescheucht, wo ebenfalls eine provisorische Tribüne fürs Publikum aufgebaut ist – und zwar auf der Drehscheibe, die unsere Blicke von einer schwarzen Wand zur nächsten schiebt, so dass wir bald die Richtung zur rettenden U-Bahn nicht mehr wissen.\r\n\r\nKafkas vermeintlicher Landvermesser K. wird von den exzellenten Sängern Yuka Yanagihara (Sopran), Hanna Dóra Sturlutóttir (Alt) und Hans-Peter Scheidegger (Bariton) gleichzeitig dargestellt, die sich mit Liedern und Bruchstücken aus Franz Schuberts „Winterreise“ Trost dafür zusingen, dass nicht einmal diese Hauptfigur noch ein geschlechtlich oder psychologisch festgefügtes Individuum ist. Dem gespaltenen K. gegenüber steht ein Heer von Kindern, kleineren und größeren (Knabenchor Berlin), die den drei Sängern die gleichgültig-gnadenlosen Botschaften der Beamtenwelt aus Kafkas Schloss in immer wieder neuen Varianten entgegenschmettern.\r\n

“Lassen Sie sich durch Kinder irritieren?”

\r\nWeshalb Novoflot hier Kinder auftreten lässt, spürt man eher, als dass man es begreift: Das von Kafka fast metaphysisch aufgeblähte Gebilde „Schloss“ zieht die Figur K. an und stößt sie ab. Das Schloss bleibt nicht nur für die Figur K., sondern zugleich für uns, fast 100 Jahre nach seiner Erfindung, völlig rätselhaft. Das Schloss und seine Insassen sind weder gut noch böse, sie sind unerbittlich in ihren ablehnenden Bescheiden an den Heimatsucher K. und alle Bewohner des Dorfes, aber sie selbst scheinen über den Sinn ihrer Unerbittlichkeit nichts zu wissen. Die Kinder rezitieren Kafkas Text, ohne ihn über Gebühr mit Bedeutung aufzuladen. Dies ist vielleicht der einzige Weg zu zeigen, dass Kafka auf beunruhigende Weise bis heute nicht verstanden worden ist, auf beunruhigende Weise keinen Sinn ergibt. „Lassen Sie sich durch Kinder irritieren?“, fragt Novoflot augenzwinkernd im Programmheft.\r\n\r\nDass die Produktionen von Novoflot eine unverwechselbare Handschrift haben, ist das letzte, was man ihnen absprechen könnte. Ein abstrakter Kerngedanke wird aus einem Musiktheatertext destilliert, obsessiv gedreht und gewendet. Doch anstatt den Gedanken in schmissige Theaterbilder und -geschichten zu fassen und zu konkretisieren, reibt sich die Kompanie weiterhin an der Abstraktheit des Gedankens, kokettiert mit ihr. Es ist für den Zuschauer durchaus möglich, den gedanklichen Kern eines solchen Abends komplett zu verpassen: Wenn man nicht in einem bestimmten Moment, vielleicht zufällig oder durch aufmerksame Lektüre des Programmhefts, den kleinsten gemeinsamen Nenner aller Bühnenereignisse begreift, nützen einem die reichen szenischen und musikalischen Verweisungen überhaupt nichts. Dann bleibt nichts weiter übrig, als von außen in eine rätselhaft verästelte Gedankenmonade zu schauen und sich am Flimmern und Blinken zu freuen, das immerhin so aussieht, als wäre es zu etwas gut. Der Sinn allerdings scheint immer schon dadurch hergestellt, dass sich Novoflot seit Jahren von wirklich hervorragenden Solisten und Instrumentalisten (ensemble mosaik unter dem Dirigenten Vicente Larrañaga) goldene Klammern um seine Gedankenexperimente schmieden lässt.\r\n

Störrisch querständig

\r\nMit dem Anspruch des Wir-können-nicht-jeden-mitnehmen-aber-vielleicht-kommt-ihr-ja-drauf hat Novoflot, könnte man böse sagen, die etwas neunmalkluge Attitüde einer Diplom-Opernregie-Inszenierung nie ganz abgelegt. Dazu gehört auch die Unbedingtheit und insistierende Gnadenlosigkeit, mit der das Publikum zuweilen satte drei Stunden zum Zuschauen bei der Abwicklung des Gedankenmodells verdonnert wird. Irgendwie ist das sympathisch. Es steht störrisch quer zu einer Kultur- und Medienlandschaft, wo alles „auf Format“ getrimmt wird.\r\n\r\nIn welchem Maße indes sich der abstrakte Gedanke in seiner Abstraktion halten lässt und trotzdem beim Zuschauen und Zuhören Spaß macht, ist unterschiedlich. Waren es beim Weihnachtsoratorium Ende 2010 im Radialsystem das entkernte bürgerliche Ritual des Weihnachten-Feierns ohne Glauben an die Heilsbotschaft, bei „Pariser Leben“ 2011 die Feier des sinnlosen Vergnügens, die erörtert wurden, so ist es in „Das Schloss“ die Heimat- und Rastlosigkeit des modernen Menschen in einer Welt, in der alle Heimat relativ geworden ist und Orte kaum noch zum wirklichen Verweilen gemacht sind.\r\n

Nicht-Orte

\r\nDer Abend scheint wie eine Paraphrase von Marc Augés „Ethnologie der Einsamkeit“: „Eine Welt, in der sich ein enges Netz von Verkehrsmitteln entwickelt, die gleichfalls bewegliche Behausungen sind, wo der mit weiten Strecken, automatischen Verteilern und Kreditkarten Vertraute an die Gesten des stummen Verkehrs anknüpft, eine Welt, die solcherart der einsamen Individualität, der Durchreise, dem Provisorischen und Ephemeren überantwortet ist, bietet den Anthropologen ein neues Objekt, dessen bislang unbekannte Dimensionen zu ermessen wären, bevor man sich fragt, mit welchem Blick es sich erfassen und beurteilen lässt.“\r\n\r\nEin Ort, der keiner ist, lässt sich schwerlich darstellen. Deshalb ist die „Schloss“-Produktion, indem sie ihren Kerngedanken in der Abstraktion belässt, mehr als die vorigen Produktionen von Novoflot wirklich in der theatralen Konkretheit angekommen. Nicht in den gleißenden Posaunen-Improvisationen, nicht in Ulrich Scheels Live-Zeichnungen am Computer findet der Zuschauer dauerhaft Halt. So hält man sich an Schuberts Musik. Doch der Halt, den uns die Musik von Schubert zu geben scheint, ist trügerisch, und das war er schon immer. Wer mit voller Aufmerksamkeit dabei ist, auf das gründlichst ausgehörte Spiel der Pianistin Saori Tomidokoro und auf die Sänger lauscht, spürt es vielleicht deutlicher als je zuvor: die überraschend umgedeuteten Akkorde in einer eigentlich selbstverständlich abschnurrenden Melodie. Es scheint klar, dass sich das Bürgertum nach dieser Musik eine neue Illusion von innerer Heimat, das Biedermeier, aufbauen musste, wo von Schuberts „Lindenbaum“ nur noch die erste Strophe etwas galt, gesetzt für heimattrunkenen Männerchor.\r\n\r\nNatürlich kann man in aller Ruhe von der Bühne in den Zuschauerraum blicken, als der Eiserne Vorhang geöffnet wird und die Sopranistin zum ersten und einzigen Mal ein Stück der „Winterreise“, das bodenlos verzweifelte Lied „Der Wegweiser“, in vollständiger Länge darbietet. Doch hier hat Novoflot die Inszenierung von Unstetigkeit nicht nötig: Bei Schubert sitzt „Ruhebedürftigkeit“, das Paradoxon der modernen Welt im Werk selbst: „Und ich wandle sondermaßen ohne Ruh und suche Ruh.“\r\n\r\n \r\n\r\nDas hier macht Arbeit. Spenden Sie endlich auch mal was.\r\n\r\n

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