Musik kann Kult auch ohne Weihnachten

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Von Matthias Nöther

\r\nIn der Symphonie des psaumes, der Psalmensymphonie, brachte Igor Strawinski seine radikale Anforderung an sich selbst, in Musik nichts auszudrücken, was außerhalb der Töne selbst liegt, zu einer Meisterschaft. Vielleicht ist stilistisch nicht alles anders als in anderen seiner Stücke aus der Zeit um 1930, aber dieses Werk scheint in seinem Anliegen noch extremer: Schließlich ist in den vertonten biblischen Psalmen 38 und 39 vom „Schreien zum Herrn“ die Rede – wie sollen bei solch extrovertierter Glaubens-Äußerung die Töne ganz unbeirrt bei sich bleiben? Strawinski schafft es trotzdem: Die Musik bleibt starr, der Chor deklamiert meist stoisch die Verse. Sie schärft den Sinn des Hörers für ihr Wesen, das ohne alle kulturellen, nicht-musikalischen Beigaben von jeher etwas Kultisches in sich trägt.\r\n

Nordpol-hohe Pfeiflage der Oboe

\r\nDie Berliner Philharmoniker haben das Stück seit Karajans Zeiten oft gespielt, sie wiederum haben im Dienst Strawinskis eine Meisterschaft darin entwickelt, sich zwar die emotionale Geste außerhalb der gedruckten Noten zu verbieten, im Inneren aber die Klänge bis zum Äußersten auf ihre Biegsamkeit zu überprüfen. Ein hervorragendes Beispiel bietet gleich zu Beginn der Solo-Oboist Albrecht Mayer, der die starr zwischen zwei Tönen pendelnde Figur des „Exaudi orationem meam“ mit Leben füllt – in jener nordpol-hohen Pfeiflage, in der sich wohl der Komponist vor allem Organischen sicher wähnte. Ob der klanglichen Flexibilität unter Kirill Petrenko muss der Rundfunkchor keine Scheu haben, seine Worte bis zum finalen „Halleluia“ teilweise bis ins extreme Piano abzudämpfen, was der klanglichen Rundung keinen Abbruch tut.\r\n\r\nStrawinskis archaische Musik ist der straffe Einstieg in einen Abend, der das Konzertveranstalter-Gebot dieser Tage, aufgesetzte weihnachtliche Feierlichkeit zu verbreiten, klug und bewusst umgeht. Mittelpunkt des Konzerts in der Philharmonie sind zwei Stücke des Komponisten Rudi Stephan – der zwar seit den 1950er Jahren in jedem besseren Konzertführer steht, aber seitdem kaum mehr im Konzertsaal erklungen ist. Stephan fiel 1915 als 28-Jähriger im Ersten Weltkrieg. In Anbetracht der Umwertung aller musikalischen Werte nach Ende des Krieges durch Neue Sachlichkeit, Serialismus, Jazz und Neoklassizismus waren das keine guten Voraussetzungen für einen noch in Spätromantik und wilhelminischer Repräsentationskunst Aufgewachsenen, um in die Musikgeschichtsbücher einzugehen.\r\n

Rudi Stephan, Verlierer der Musikgeschichte

\r\nStephan blieb trotzdem irgendwie im Gedächtnis, denn seine wenigen Orchesterwerke sind von einer reizvollen, schwer einzuordnenden Singularität, er entwickelte jenseits der radikalen Atonalität der Schönberg-Schule seine eigenen Verfahren jenseits der traditionellen Dreiklänge, die in keinem Moment ins bombastische, musikalisch redselige Fin de Siècle von Mahler, Strauss, Pfitzner zurückweisen. In einem Violinkonzert mit dem lapidaren, anti-traditionellen Titel „Musik für Geige und Orchester“ erlebt man klar umgrenzte Motive, die von merkwürdig vereinzelten Orchestergruppen vorgestellt werden. Der Violinsolist Daniel Stabrawa schraubt sich den Höhepunkten entgegen, doch die romantische Geste des Virtuosen erlaubt ihm Stephan nicht, auch wenn man nicht gleich genau versteht, wo in dieser Musik der Unterschied zur gängigen Konzertliteratur liegt.\r\n

Antithese zu “the German Ausdrucksvoll”

\r\nVon Anti-Romantik, Anti-Psychologie im Sinne Strawinskis zu reden, das trifft es nicht, und darin liegt wohl genau das Interessante: Stephan zieht die Barrikaden zur symphonischen Vergangenheit, zu „the German Ausdrucksvoll“ nicht ausdrücklich hoch, weil er ohnehin seinen eigenen Kopf besitzt, der in ganz anderen Kategorien denkt als in dieser Ausdruckssättigung. Ein symphonisches Finalproblem, wie es Gustav Mahler umtrieb, kennt Rudi Stephan nicht. Seine Höhepunkte, wenn auch mit viel Blech-Fortissimo gespickt, haben nichts Auftrumpfendes, immer noch etwas Spielerisches, Musikantisches, sie klingen zeitweise wie die Finali der Symphonic-Wind-Band-Literatur, die es damals noch gar nicht gab. Bedrohlich-dräuend-Schicksalhaftes, gar Deutschtümelndes, hört man nicht. Ein sympathischer Komponist, der den musikalischen 20er Jahren sicherlich seine sehr eigene Note hinzugefügt hätte.\r\n

Skrjabin, der präzise Metaphysiker

\r\nAlexander Skrjabins großes Orchesterstück „Poème de l’extase“ ist in seiner psychoanalytischen Tiefenschärfe vielleicht äußerlich ein Kontrast zu dieser Anti-Emotionalität. Aber es ist dieser Kontrast auch nur, wenn man bei „psychoanalytischer Tiefenschärfe“ in der Musik an mulmige Schönbergsche Verklärte Nächte und ähnliches denkt, wo an gedanklichem Triebleben alles nach außen gekehrt wird, was man an Unbewusstem dingfest zu machen glaubt. Skrjabin war, bei allen gedanklichen Anleihen bei Befindlichkeitsphilosophen wie Nietzsche und Schopenhauer, ein extrem präzis und konkret komponierender Musiker. Im „Poème“ kombiniert er diese Direktheit mit einer schweifenden Harmonik. Zwar könnte kein Thema konkreter, diesseitiger daherkommen als das von dem Solo-Trompeter Tamás Velenczei immer wieder großartig intonierte prunkvolle Trompetenthema, doch in Skrjabins ausgeklügelten harmonischen Verläufen scheint dieses Thema immer neu von hinten schräg zum Ohr des Hörers zu heranzuschießen. Ein Beispiel dafür, was auch, neben Strawinski und Stephan, ein Skrjabin mit ganz konkreten musikalischen Fakten anstellen konnte, ohne etwas an gedanklichem und psychologischen Überbau in die Musik hineinzugeheimnissen.\r\n\r\nÜbrigens: Berlins Opernbesucher wissen, dass Petrenko ein hervorragender Dirigent ist. Er hat vor zehn Jahren das Orchester der Komischen Oper nachhaltig fit für die Zukunft gemacht, mitsamt Kompetenzen in historischer Aufführungspraxis. Es ist beglückend zu erleben, wie dieser zugleich bescheidene und temperamentvolle Musiker das anspruchsvolle, keineswegs super-populäre Programm mit Strawinski, Stephan und Skrjabin kurz vor Weihnachten in völligem Einklang mit den Berliner Philharmonikern dem Publikum vorstellt. Gewiss gehört Petrenko zu der Dirigentengeneration, aus welcher einst der Nachfolger für den Philharmoniker-Chefdirigenten Simon-Rattle rekrutiert wird. Spätestens nach diesem Konzert kann man sich theoretisch vorstellen, dass das Orchester zu gegebenem Zeitpunkt ein Auge auf ihn werfen könnte.\r\n

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