Motivstrudel statt Metaphysik

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von Matthias Nöther

\r\nMaria Lettberg, stammend aus der lettischen Hauptstadt Riga, tourt derzeit durch die deutschen Hallen der Firma Bechstein, um ihre neue CD zu präsentieren: eine Aufnahme von Alexander Skrjabins Werken ohne Opuszahl. Für eine Pianistin, die bereits das enorm anspruchsvolle und hochvirtuose Klavier-Gesamtwerk des russischen Fin-de-Siècle-Meisters auf CD eingespielt hat, ist dies nur konsequent – für deutsche Klassikhörer jedoch ist es so etwas wie der zweite Schritt vor dem ersten.\r\n\r\nAußer eingefleischten Fans der russischen Kompositions- und Klavierschule kann kaum jemand heucheln, er wolle jetzt endlich mal den unbekannten Skrjabin kennenlernen, nachdem er die bekannten Werke – das Orchesterstücke „Poème de l’extase“ und „Promethée“, die Klaviersonate Nr. 9 „Schwarze Messe“ oder die Etüden Opus 8 – nun schon so oft gehört hat. Skrjabin – den Namen kennt fast jeder, doch er kommt im deutschen Klassikbetrieb nach wie vor kaum vor.\r\n\r\nDem großen Mystiker der russischen Musik nähert man sich hierzulande meist mit schlechtem Gewissen und daher mehr oder weniger gar nicht. Man erblickt in ihm und seiner ausgefeilten Poetik samt synästhetischem Konzept, Beschwörung des Übermenschen und systematisch erneuerter Harmonik ein geschlossenes System, und davon hat man hierzulande ja noch genug abzuarbeiten. Immer ist das alles so anstrengend: Ein Richard Wagner will möglichst in seiner ganzen verquasten Gesamtkunstwerktheorie verstanden werden, ein Arnold Schönberg lässt keinen Zweifel daran, dass an seiner Zwölftonmethode niemand vorbeikommt und für einen Karlheinz Stockhausen kann sicherlich keiner irgendeine Ahnung von der Welt haben, der auch nur eine seiner sieben „Licht“-Opern verpasst hat.\r\n

Russischer Gesamtkunstwerker zum Anfassen

\r\nWer als großer russischer Pianist galt und gilt – Pogolerich, Richter, Gawrilow, Sofronitzky, Gilels, Sokolow – zollte Skrjabin indes umfangreich Tribut. Kann man ein entsprechendes Verhältnis deutscher Interpreten zu Schönberg oder Stockhausen feststellen? Aus oben genannten Gründen: nein. Doch Musiker und Musikhörer der slawischen Hemisphäre gehen anders mit ihrem landeseigenen Gesamtkunstwerker um. Dessen komplexe kunst- und weltanschauliche Theorien erschließt man sich im Vorbeigehen, man kann sich diesem Komponisten zunächst musikantisch nähern wie einem Chopin, eine der Etüden Opus 8 spielen, die in Russland sogar echte Klavierhits sind – der große Vladimir Horowitz etwa spielte sie gerne als Zugabe, von der Carnegie Hall bis nach Tokyo.\r\n

Wollüstig hinunterrinnend

\r\nAuch Maria Lettberg gelangt bei ihrem Berliner Bechstein-Konzert im Stilwerk an der Kantstraße über diese kleinen Etüden des 23-Jährigen in den Skrjabin-Kosmos hinein – und lässt die anfangs recht hölzernen Kanten ihrer Phrasierung, geschuldet wohl einer gewissen Nervosität und der trockenen Akustik, gerade mit der zunehmenden Komplexität der Skrjabinschen Klavierpartituren hinter sich. Das Poème op. 32 Nr. 1 verströmt trotz seiner musikalischen Konkretheit die Elastizität eines Prélude von Debussy, in der Sonate Nr. 4 kündet ein fast wollüstig am Hörer herunterrinnender Motivstrudel davon, dass auch Skrjabin trotz aller Originalität seine Seele jahrelang an Wagner verkaufte.\r\n\r\nIn ihren lockeren Moderationen versucht Maria Lettberg, das Biographische vor den abstrakten theoretischen Überbau zu stellen: Die Sonate-Fantasie gis-Moll des 14-Jährigen? Eine stürmische Erinnerung an die erste enttäuschte Liebe. Die zwei Mazurken des 17-Jährigen? Tänze zum Hausgebrauch in der Kaserne, Alexander war damals in der Kadettenschule.\r\n

Festspiele in Indien

\r\nEs stimmt: Skrjabin war nicht Zeit seines Lebens ein versessener Musikphilosoph, verliebt ins eigene Gedankengebäude. Erst nach einer Handlähmung 1891 begann er, abstrakt über menschliche Willenskraft und dessen Zusammenhang mit dem Wesen der Musik nachzudenken – wobei ihm die deutschen Philosophen Schopenhauer und Nietzsche mit ihrer Metaphysik des unbedingten Wollens natürlich beste theoretische Vorlagen lieferten. So seltsam verstiegen und umnebelt jedoch Skrjabins geplanten kosmogonischen Festspiele in Indien und sein Farbenklavier heute anmuten: Maria Lettberg zeigt in jedem der sehr heterogenen Werke des Abends, mit welcher kristallinen Klarheit der Komponist bis ans Ende seines Lebens innerhalb der musikalischen Strukturen selbst dachte.\r\n\r\nFast möchte man meinen, die nüchterne handwerkliche Gesetzmäßigkeit und Plausibilität eines d-moll-Kanons des 11-Jährigen noch in der Sonate Nr. 9 „Schwarze Messe“ zu hören – Maria Lettbergs Entschuldigungen vor dem teils jüngeren Publikum für die gezielt zerfasernde Tonalität dieses mitreißenden Werks wären vielleicht gar nicht nötig.\r\n\r\n \r\n\r\nHaben Sie schon gespendet? Dieser Blog ist auf Ihre Spende angewiesen!\r\n\r\n

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