Schattenhaftes und Vergessenes

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Von Matthias Nöther

\r\nDie Subsysteme der Berliner Klassik, in denen man sich jenseits von Philharmonie, Konzerthaus und Opernhäusern bewegen kann, sind fast unüberschaubar. Es gibt Musikschulkonzerte, es gibt freie Opernprojekte, es gibt als Verein organisierte Ensembles, es gibt Halböffentliches und Hauskonzerte. Selbst wenn man nicht allzuweit in diese Verzweigungen hineinwandert, kann man an einem einzigen Wochenende Überraschendes erleben – gerade dann, wenn man nicht gezielt das „Berichtenswerte“, das äußerlich Außergewöhnliche sucht.\r\n

Notturno – Nächtliches Kammerkonzert des Deutschen Symphonieorchesters

\r\nWer wäre sonst etwa in das Nächtliche Kammerkonzert des Deutschen Symphonieorchesters im Musikinstrumentenmuseum gegangen, wo eine Streichquartettformation des Orchesters auftrat, ergänzt um eine Pianistin zum Klavierquintett? Hier wird nicht auf Deubel komm raus nach neuen Konzertformen gesucht, es wird nicht auf die Erschließung neuer Hörerschichten spekuliert, es gibt keine Lichtshow. Lediglich Museumsdirektorin Conny Restle führt vor Beginn des Konzerts kompetent durch ihre Hallen. Dann gibt es das oft gespielte Klavierquintett Es-Dur op. 44 von Robert Schumann.\r\nDer bis auf den letzten Platz gefüllte Curt-Sachs-Saal des Musikinstrumentenmuseums ist dafür sicherlich nicht der ideale Ort, gerade wenn es sich um Orchesterstreicher handelt, bei denen als Streichquartett keine jahrelange Feinabstimmung erfolgte. Die trockene Akustik verzeiht keine Ungenauigkeiten, keine Uneinigkeit in der Tempovorstellung – Dinge, die unmittelbar nach der trotzig auffahrenden Attitüde des ersten Satzes durchaus vorkommen. Man findet sich dann.\r\n

Korngold ist origineller

\r\nDas originellere Stück ist zweifellos Erich Wolfgang Korngolds Suite für zwei Violinen, Violoncello und Klavier für die linke Hand von 1930. Es ist eines jener großartigen Stücke, das für den Pianisten Paul Wittgenstein komponiert wurde, jenen Bruder des Philosophen Ludwig Wittgenstein, der im Ersten Weltkrieg seinen rechten Arm verlor. Die Suite ist eine schatten-, fast albtraumhaft finstere Nachtmusik, welche die Ängste des europäischen Bürgertums kurz vor der NS-Zeit zu bündeln scheint. Die wenigen Stimmen des Stückes schlagen in strenger Führung hart gegeneinander, der Hauch des Fin de Siècle, den noch Korngold so gerne in der Gustav-Mahler-Nachfolge wehen ließ, er ist in einem übersteuerten Walzer auf schrille Art abwesend. Es folgt eine „Groteske“, die wie die typische Kino-Musik zur nächtlichen Verfolgungsszene eines Stummfilms dieser Jahre klingt. Die Geiger Johannes Watzel und Marija Mücke, die Cellistin Sara Minemoto und die Pianistin Senka Brankovic (die Bratschistin Thaïs Coelho pausiert hier) zeigen diese beklemmende Musik ohne aufgesetzte dramatische Attitüde, was das Ganze noch packender macht.\r\n

Klassik-Subkultur in Neukölln

\r\nEin wenig tiefer hineingeraten in die Klassik-Subkultur Berlins war man dann am Sonnabend in der Magdalenenkirche an der Neuköllner Karl-Marx-Straße. Diese Subkultur allerdings zeigte sich an diesem Abend nur in der musikalischen Interpretation, keineswegs in der Werkauswahl von ihrer besten Seite: Gespielt wurd das Oratorium „Johann Huss“ von Carl Loewe aus dem Jahr 1841, jenes lange Zeit vielgesungenen Balladenkomponisten des mittleren 19. Jahrhunderts. Es ist das achte von Loewes allsamt vergessenen 18 Oratorien, und man wundert sich ehrlich gesagt, weshalb angeblich dieses Oratorium nicht das gleiche Schicksal erlitten hat.\r\n\r\nDer Gang des Vorreformators Johann Hus von Prag zum Konzil von Konstanz im Jahr 1414 wird von dem Textdichter August Zeune in eine biedermeierlich rührselige Dichtung gefasst, durchzogen von Choral- und Pastoralartigem. Das Stück ist nicht handlungsarme Kantate, aber auch nicht farbiges Passionsspiel oder echtes Musiktheater, und es verzichtet ausgerechnet in der Zeit des Vormärz und angesichts der revolutionären Thematik auf jegliche kontroverse Wirkung zugunsten einlullenden Dur-Wohlklangs und Reihung von Gesangsnummern, die zwar in ihren Perioden Mozartische Formstrenge versprechen, aber regelmäßig aufgrund des nichtperiodischen Prosatextes ins Formlose ausufern und dem Hörer kaum musikalische Orientierung bieten.\r\n

Themenjahr “Reformation und Musik”

\r\nDie Aufführung steht in Zusammenhang mit dem Themenjahr „Reformation und Musik“. In der Gestalt des Böhmen Johann Hus soll nicht zuletzt der Böhmischen Einwanderer gedacht werden, die einst die Gemeinde Rixdorf gründeten. So hat sich die Evangelische Kirchengemeinde Rixdorf in Vereinigung mit der Evangelischen Brüdergemeine Berlin trotz des schwachen Stückes zur Aufführung entschlossen – und zur Aufbietung beeindruckender professioneller und semiprofessioneller Kräfte. Die Kantorin Anke Meyer dirigiert die Junge Philharmonie Brandenburg, wahrhaftig ein vorzügliches Jugendorchester, das seine Aufgabe mit professioneller Sicherheit erfüllt. Auch der von Winfried Müller-Brandes einstudierte Sängerchor aus Evangelischer Brüdergemeine und Rixdorfer Kantorei, namentlich das anfänglich in einer choralartig erzählenden Einleitung konzertierende Chorsolistenensemble, hinterlassen mit ihrer Klangschönheit, Intonationssicherheit und Farbigkeit einen hervorragenden Eindruck.\r\nNichts gegen Ausgrabungen, im Gegenteil. Aber leider haben offenbar die vielen zusammenfallenden krichengeschichtlichen Fügungen – Reformator Hus im Vorfeld des Reformationsjubliäums, Böhmisches Gedenken, die historischen Bezüge der Hussiten zu Neukölln – über die Qualität des Stückes von Carl Loewe hinweggetäuscht. Singen wir lieber seine Balladen, wenn die nochmal in Mode kommen sollten.\r\n\r\n \r\n\r\nHaben Sie schon gespendet? Dieser Blog ist auf Ihre Spende angewiesen!\r\n\r\n

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