Ein Horst von Schönbergs Gnaden

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Von Matthias Nöther

\r\nIch hasse peinliche Situationen. Wahrscheinlich mehr als Andere, die sich dann mental aus der Situation wegbeamen, indem sie sich vorstellen, sie wären nur der Fernsehzuschauer auf dem Sofa und würden sich eine schlechte Talkshow ansehen. Meine Eltern hatten nie einen Fernseher, deshalb habe ich diese Kulturtechnik nicht gelernt. Ich musste mir also immer schon was anderes einfallen lassen, um öffentliche Peinlichkeiten für mich erträglich zu machen.\r\n\r\nEine Karaoke-Matinee in kleinem Kreis ist da eine gute Übung. Maßnahme Nummer Eins: Sich immer sofort freiwillig melden, vor allem wenn sich kein Anderer meldet, um was zum Besten zu geben – wodurch ja bereits eine peinliche Situation eintritt. Jawohl, so sensibel bin ich. Ich schäme mich schon für den Moderator, wenn das ohnehin spärlich anwesende Publikum in der King Karaoke Bar ihn auflaufen lässt und einfach kein Lied zum Besten geben will. Also melde ich mich ein zweites Mal für ein Stück Neue Musik freiwillig, mit dem Hintergedanken: Ehe sich die ganze Truppe zum Horst macht, die sich zwar aus Karaoke-Gründen hier versammelt hat, aber offensichtlich mehrheitlich selbst nichts zur Substanz des Nachmittags beitragen will, mache ich mich lieber selbst zum Horst, indem ich eben etwas beitrage, denn das ist dann der harmlosere Horst und ich habe ihn irgendwie unter Kontrolle.\r\n

Kontrollverlust erwünscht

\r\nDas Vertrackte an der Situation ist, dass Neue Musik und Karaoke zwar wenig miteinander zu tun haben, die Kombination von beidem aber gerade deshalb sehr viel mit Kontrollverlust zu tun hat. Das ist nachmittags um 14 Uhr selbst nach einem Glas Sekt nicht ganz einfach. Und dass es auf Kontrollverlust bei Karaoke wirklich und sowieso ankommt, erfahre ich beim zweiten Stück, für das ich mich freiwillig melde: eine Arie aus Eric Saties Oper „Socrate“. Ich bekomme zwar den Klavierauszug in die Hand, aber wie die meisten Anderen im Raum habe ich das Stück nicht im Ohr. Um ehrlich zu sein, habe ich es noch nie gehört. Französisch kann ich rudimentär, aber nicht so, dass ich sofort wüsste, wo es sinngemäß lang geht. Takte zählen hilft. Nach zwei Notenseiten erkenne ich, dass ich die Tonhöhen Tonhöhen sein lassen und meine Aufmerksamkeit darauf richten sollte, den französischen Text rechtzeitig zum Zeitpunkt des vorgeschriebenen Erklingens entziffert und artikuliert zu haben. Sobald ich das erkannt habe, macht es ziemlichen Spaß, ich habe dann noch circa vier bis sechs Seiten Zeit, das auszukosten. Ich habe das Gefühl, dass der Sinn und Ursprung von Karaoke in diesem Moment zumindest ansatzweise wiedererinnert ist.\r\n

Pünktlichkeit und Tortur

\r\nWas beim Karaoke unter anderem zählt, ist die Pünktlichkeit und die zum Lied passende Geste. Das ist gilt im Fall von Neue-Musik-Karaoke allerdings nur für einige Klassiker der Neuen Musik: Die Arie aus Saties „Socrate“ von 1919 ist ein in langsamem Zweivierteltakt dahinschleichendes Stück, irgendwie berechenbar und in der Faktur traditionell. Doch schon bei „Mondestrunken“, dem ersten Melodram aus Schönbergs „Pierrot lunaire“ von 1910, ist Pünktlichkeit Pflicht und Tortur zugleich. Das Stück hat man als einigermaßen kunstaffiner Mensch unter Umständen schon mehrmals gehört, deshalb ist hier wiederum eine andere Bedingung von traditionellem Karaoke erfüllt: Alle meinen irgendwie zu wissen, wie es geht und beäumeln sich darüber, dass der Vortragende das gleiche von sich meint und daran auf der Bühne lustvoll scheitert. Nur ist „Pierrot“ mit seinen ständigen Taktwechseln zwischen Zwei und Drei unendlich viel schwieriger auf Pünktlichkeit zu trimmen als Saties „Socrate“-Arie, von der man nicht mal so recht zu sagen weiß, ob es sich überhaupt um eine originelle Komposition handelt oder um die bewusste Veräppelung von Originalität.\r\n

Der unkontrollierbare Horst

\r\nDie ersten beiden „Pierrot“-InterpretInnen des Nachmittags meistern ihre Sache achtbar. Allerdings verraten sie nicht, dass sie sich zuhause mit einer Midi-Datei vorbereitet haben, weshalb alles ganz einfach aussieht – eine Art von Taschenspielertrick, der, wäre Karaoke eine olympische Disziplin, zur sofortigen Disqualifizierung führen sollte. Entweder man kennt den jeweiligen Song aus seiner reichen, jenseits der Show liegenden Lebenserfahrung, dann sollte man ihn aber auch richtig kennen, dann kann man mitmachen, oder man kennt ihn eben nicht, dann allerdings wird auch der Horst unkontrollierbar und sorgt möglicherweise für Frustration bei allen Beteiligten. Der dritte Kandidat, der sich – nunmehr unvorbereitet – an „Pierrot“ versucht, erliegt dem Missverständnis, dass Schönbergs Melodram auch nicht schwieriger ist als „Azzurro“ von Paolo Conte. Neue Musik verlangt Offenheit und imaginäre Voraussetzungslosigkeit beim Hören, aber fürs Spielen und Singen verlangt sie ein Abstraktionsvermögen und eine Textkenntnis, die von Leuten, die im Stoff stehen, oft unterschätzt wird.\r\n\r\nMacht nichts. Indem man an diesem Nachmittag hört, wie sehr Stücke von Bernstein, Feldman, Cage, Webern, Cornelius Cardew oder La Monte Young als Karaoke-Vorlagen funktionieren oder auch nicht, erfährt man viel über die Beschaffenheit und auch die Poetik des jeweiligen Stücks – und über die radikale Voraussetzungslosigkeit und deshalb Divergenz von Neuer Musik im 20. Jahrhundert überhaupt. Denn das ist die eigentliche Spannung zwischen ihr und der Karaoke-Technik: In der Neuen Musik werden möglichst viele Auffangnetze von Kultur und Tradition vor Beginn der Musik zerschnitten, um die Angst vor dem Absturz obsolet werden zu lassen. „You can do anything, starting from nothing“, sagte John Cage einst. Im Karaoke dagegen existiert ein so dichtes Netz von Kultur und Tradition, dass man nicht einmal Angst vor Peinlichkeit haben muss, wenn man sich genussvoll hineinfallen lässt. Es lebe der Horst in uns.\r\n\r\n \r\n\r\nHaben Sie schon gespendet? Dieser Blog ist auf Ihre Spende angewiesen!\r\n\r\n

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