Kampf den Schafen am Himmel

\r\nEines der letzten Ereignisse des diesjährigen, wie gewohnt programmatisch höchst ausgeklügelten Musikfests Berlin war ein Konzert mit Werken von Franz Schubert und Morton Feldman im Konzerthaus. Das sind zwei Komponistennamen, die natürlich den meisten Konzertbesuchern in einem Atemzug einfallen. Schließlich schrieb der Amerikaner Feldman über Schubert: „Er ist das beste Beispiel, um ein Gefühl dafür zu bekommen, wohin etwas zu setzen ist. Einfach, wohin es zu setzen ist. Es ist keine Frage von Perioden, der Ort ist einfach der Schlüssel, einfach, wohin er etwas setzt, ist so fantastisch in der Atmosphäre. Wohin er es setzt, das ist die Atmosphäre.“\r\n Keinen musikalischen Einfall mit behaupteten übergeordneten Ideen zu begründen, keine abstrakten Konzepte über konkrete musikalische Ereignisse zu stellen, das war es, was Feldman an Schubert (im Gegensatz zu Beethoven oder Schönberg) faszinierte. Eine Steilvorlage für Konzertdramaturgen also, um die beiden im Konzert zu kombinieren.\r\n\r\nMan hat im Konzerthaus dennoch den Eindruck, dass stärker noch als solche Gedanken die Zwänge des abendlichen Konzertbetriebs eine Rolle spielten. Anders als Schuberts ellenlange späte Klaviersonaten etwa ist seine „Unvollendete“ eben gerade keines jener Stücke, in denen der Komponist so ganz spontan und assoziativ Themen und Gedanken „einfach irgendwohin setzt“. Diese Symphonie ist in dieser Hinsicht ziemlich un-schubertisch (weshalb Schubert ja nach dem zweiten Satz nicht mehr weiterkam). Die sich gegenseitig unterbrechenden lyrischen und dramatischen Gedanken sind zwar extrem gegensätzlich, aber sie sind in ihrer Gegensätzlichkeit so zwingend aufeinander bezogen, dass sie dem musikalischen Geschehen zu einem dramatischen Vorwärtsdrängen verhelfen. Es gibt eben nicht diese assoziative Unverbindlichkeit des „Es muss jetzt das und das kommen, weil ich Komponist das gerade in der Luft liegen höre“.\r\n

Nicht alles ist aus der Stimmung erfunden bei Schubert

\r\nNein, Schuberts Abfolge der Gegensätze folgt einem durchaus übergeordneten, wenn auch namenlosen Prinzip, das ein Dirigent plausibel machen muss, indem er diese Gegensätze irgendwie einander vermittelt. Bei Emilio Pomarico und dem Konzerthausorchester aber klingt schon der erste finstere Forte-Akkord, der das lyrische Thema unterbricht, als habe man sich nicht richtig für ihn entschieden, sondern schaue einfach mal, was so passiert.\r\n\r\nDabei zeigen doch die gleichen Interpreten in der zweiten Hälfte dieses Abends, dass man nicht einmal Feldmans eigener Musik, die scheinbar jener offenen Zwanglosigkeit gehorcht, mit solcher „Ergebnisoffenheit“ begegnen kann – als Hörer schon und auch als Komponist sowieso, aber nicht als Musiker. Feldmans 50 Minuten währendes Großorchesterstück „Violin and Orchestra“ aus dem Jahr 1979 ist gründlich geprobt und bis in die letzte Klangkombination hinein minutiös ausgehört.\r\n

Das Abstrakte ist immer skandalös

\r\nDas Stück klingt fast so, als habe es irgendetwas mit klassischer Musik zu tun. Es scheint sich etwas zu entwickeln, angefangen bei den hauchzarten hohen Tönen, mit denen die Geigerin Isabelle Faust die leisen, stumpfen Bläserakkorde des Beginns durchsetzt. Doch es ist nicht, wie es scheint. Das Abstrakte ist immer skandalös, namentlich wenn der Betrachter in ihm Gegenständliches wähnt. Doch sucht man den gedanklichen Halt vergeblich in diesem Meer leiser, oft säuberlich voneinander getrennter Klangfelder. Und schließlich hören die Wenigsten zunächst abstrakt. In den Sternen des Nachthimmels suchen wir nach mythologischen Figuren, in den Wolken des Taghimmels nach Schafen und Elefanten.\r\n\r\nBei Feldman sind die außermusikalischen Gedanken so abstrakt, ja vielleicht wirklich völlig abwesend, weil die Klänge so konkret und von allem gedanklichen Ballast befreit sind. Es gibt kein Ziel. Deshalb kann es auch die zielgerichteten Entwicklungen nicht geben, die wir zu hören meinen. Keine intellekutelle Attitüde, kein Brüten über ein falsch verstandenes Wesentliches. Darüber muss man auch nichts Schlaues schreiben. Erholsam.\r\n\r\n \r\n\r\nHaben Sie schon gespendet? Dieser Blog ist auf Ihre Spende angewiesen!\r\n\r\n

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