Heiter oder wolkig, reden wir vom Schicksal

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Von Matthias Nöther

\r\nHeute sei ja Freitag der Dreizehnte, sagt die Dame von der Technik beschwichtigend und kündigt ein „kleines technisches Problem“ an, nachdem sie sich einen Weg zwischen den kreisförmig um einen riesigen Würfel angeordneten Stuhlreihen gebahnt hat. Sie findet wohl selbst kaum den Weg in der vollständig verdunkelten und vernebelten Halle des Radialsystems. Dass hier, in der zweiten Vorstellung von Morton Feldmans Oper „Neither“ etwas schief gehen und das Ganze nach circa 5 Minuten Musik und 3 Minuten erwartungsvoller Stille noch einmal von vorn beginnen könnte, ist, im Nachhinein betrachtet, nicht der unwahrscheinlichste Verlauf des Schicksals.\r\n\r\nProduziert wurde „Neither“ nicht im Radialsystem, sondern im Europäischen Zentrum der Künste Dresden-Hellerau. Die einzige Gesangssolistin, die Feldman im Jahr 1976 vorschrieb, ist auch das einzige Live-Element, welches das Künstlernetzwerk phase7 bei seiner Interpretation von „Neither“ übriggelassen hat, der Rest ist Klangretorte. Ein bisschen, aber nicht viel genauer gesagt: phase7 setzt Feldmans Partitur nicht mit einem Orchester um, sondern mit synthetischen Klängen, die nach dem neuen Verfahren der Wellenfeldsynthese mit Hilfe von 72, in einem Achteck angeordneten Lautsprechern auf die kreisrund in der Mitte des Saals sitzenden Hörer herunterschallen. „Um Schallwellen zu erzeugen, steuert eine Computersynthese jeden einzelnen Lautsprecher genau in dem Moment an, zu dem eine virtuelle Wellenfront seinen Raumpunkt durchlaufen würde.“\r\n

Immer diese Technik?

\r\nAlles klar? Jedenfalls soviel vielleicht: Beim Transport des Ganzen von Dresden nach Berlin durfte kein einziger Hochleistungsrechner Schaden nehmen, alles musste neu und richtig verkabelt werden, jeden Abend glühen ziemlich viele Prozessoren – und es muss, wenn einer sich verschluckt, eben nochmal von vorn begonnen werden. Tja. Immer diese moderne Technik? Dann überlegen Sie mal, ob es sonst besser ist, wenn man vor einer Bruckner-Symphonie befürchten muss, dass der Solo-Hornist wieder Probleme mit seiner Verdauung bekommt und die anderen die Stelle einfach nicht können. Tja, es ist nicht besser. Auch nicht schlimmer wahrscheinlich. Weder noch. Eigentlich egal.\r\n\r\nDass das Musiktheater in der zweiten Vorstellung aufgrund eines „kleinen technischen Problems“ zunächst schief geht, steigert die Spannung des Publikums. Von Morton Feldmans „Neither“ nach einer 87-Wort-Dichtung von Samuel Beckett hat man viel gehört, kaum eine Oper ist zugleich so legendär wie unbekannt. Das Verknüpfen der seltsamen Poetik des Cage-Weggefährten mit dem synthetischen Klangfeld von phase7 scheint so schlagend wie paradox: Hier der Komponist, der nicht mehr aktiver Gestalter seines Klangmaterials sein, sondern es „freilassen“, drehen und wenden und dann von allen nur erdenklichen Seiten wie einen Fetisch betrachten wollte; dort das Akustiksystem, das für den Hörer seinerseits keine ästhetischen Wahlmöglichkeiten vorsieht, sie sogar ausschließen will. Die Wellenfeldsynthese schaltet eine subjektive, von akustischen Zufälligkeiten beeinflusste Wahrnehmung der Musik technisch in hohem Maße aus – auf jedem Platz inmitten der 72 Lautsprecher hören sich die synthetisch hergestellten Klänge angeblich gleich an.\r\n

Schöne Zufälligkeit?

\r\nWer sich damit abfindet, dass er die schöne Zufälligkeit seiner Existenz für die Dauer der Aufführung in einer Laborsituation drangibt (um dann ausgerechnet Feldmans gestalteten Zufall zu erleben), der erlebt eine wirklich fabelhaft stimmige Konstellation: Szenischer Mittelpunkt ist die Sopranistin Eir Inderhaug in einem aus Laserstrahlen geformten Würfel, darüber Scheiben für Projektionen. Die Sängerin scheint von allen vier Seiten zugleich angezogen und abgestoßen. Die Musik scheint ähnliches im Inneren ihres Körpers anzustellen, auch hier ein Anziehen und Abstoßen, das sich gegenseitig aufzuheben scheint: Musikalischer Mittelpunkt ist eine stetig wiederholte, kreisende Tonfigur, die so eingängig scheint, dass man sie sogleich nachsingen möchte; die dann doch so merkwürdig unregelmäßig verzwirbelt ist, dass sie dem Hörer auch noch beim dreißigsten Mal schlüpfrig entgleitet.\r\n

Das Nicht-Wort “Weder”

\r\nDieses Nicht-Gestaltbare, nicht zu Vollendende, menschliche Freiheit Erheischende und zugleich dieser Freiheit sich Entziehende hat Morton Feldman mit Hilfe des merkwürdigen Nicht-Wortes „Weder“ erlebbar gemacht. Was man über Feldman liest, legt nahe, dass dieses Sich-Wiegen im unwägbaren Schicksal für den Komponisten etwas Lichtes, Heiteres, auch Beruhigendes hatte.\r\n\r\nDie hat es für phase7 und ihr Publikum nicht unbedingt. Wildgewordene, von Bürgern und Politikern weder zu durchschauende noch zu kontrollierende Banken und Finanzmärkte haben den Worten Zufall und Schicksal einen neuen Beigeschmack gegeben. Die Idee Feldmans, mit dem flüchtigen musikalischen Material auch das Leben in seiner ganzen Un-Gestaltbarkeit vorzuführen, erschließt sich mit Hilfe des kongenial suggestiven Gesangs der Eir Inderhaug und der suggestiven Laser-Lichtregie wohl. Es fällt aber schwer, die mal dunkel schiebenden, mal fahlhell schneidenden Klänge aus dem Off im finster vernebelten Raum des Radialsystems so „wertfrei“ zu hören, wie Feldman es gerne gehabt hätte. Die Feldman-Interpretation von phase7 zeigt, dass dieses über dreißig Jahre alte Stück neue Lesarten verträgt, wie nur große Kunstwerke es tun.\r\n\r\n \r\n\r\nHaben Sie schon gespendet? Dieser Blog ist auf Ihre Spende angewiesen!\r\n\r\n

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