Der herrliche Geist des Schulorchesters

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Von Matthias Nöther

\r\nEs ist eine völlig natürliche Selbstsicherheit und lustvolle Munterkeit, die vom Konzerthausorchester unter Christian Zacharias ausgeht. Wenn einer, der als Pianist bekannt geworden ist, auch als Dirigent vor jene Spitzenorchester treten will, mit denen er bereits musiziert hat, dann erlebt man dieses Lustvolle eigentlich selten. Leitet so ein Pianist-Dirigent nicht schon seit Jahrzehnten Orchester (wie Barenboim oder Ashkenazy), ist die Interaktion mit den Musikern tendenziell etwas verkrampft. Weshalb sollte ein Weltklasse-Pianist auch sofort ein mit allen Wassern gewaschener Orchesterleiter sein? Wenn man da gleich unbedingt ein Profiorchester formen möchte, ist die Fallhöhe groß, die Angst vor dem Fall auch.\r\n\r\nChristian Zacharias dagegen wirkt wie einer, der schon das Schulorchester seines Gymnasiums dirigieren durfte und damals jegliche falsche Ehrfurcht vor dem dirigentischen Handwerk abgelegt hat – begabt mit einer präzisen musikalischen Vorstellung, aber mit weitgehendem Verzicht auf die Standards professioneller Dirigiertechnik und der Aura des allwissenden Künstlers, gegen welche die meisten studierten Stabschwinger sich nicht so recht wehren können oder wollen. Äußert sympathisch ist es, dieses ergebnisorientierte Musizieren. Und ein Klangkörper von der Güte des Konzerthausorchesters kann etwaige Mehrdeutigkeiten in der Zeichengebung selbst zur Eindeutigkeit ergänzen.\r\nAuch das Programm ist von musikantischer Spontaneität. Haben wir eigentlich die Hörkompetenz für die so selten gespielten Orchesterwerke des Bach-Sohns Carl Philipp Emanuel, jene aus Mozart- und Beethoven-Perspektive ziemlich formlosen Anhäufungen von Gefühlsausbrüchen, jene Aneinanderreihungen von kurzen musikalischen Ideen?\r\n

Eklatanter Missstand im Berliner Konzertleben behoben

\r\nZacharias bringt diese Ideen souverän zusammen. Er und das Orchester zeigen, wie gut sie auf diese wie improvisiert wirkende Musik vorbereitet sind, die sie mit Sicherheit noch nicht oft gespielt haben (ein eklatanter Missstand im Berliner Konzertleben übrigens – nicht nur, weil Carl Philipp Emanuel, der einstige Hofcompositeur des Preußenkönigs, bis heute der vielleicht bedeutendste Komponist der Hauptstadt ist). Nie gehen in CPEs Symphonie Es-Dur die Streicher ohne Klangvorstellung in die jähen Figuren, trotz der spontanen musikalischen Gesten wirkt alles rund und weich.\r\n\r\nCPEs Klavierkonzert d-moll Wq 23 breitet Zacharias ohne jeden Skrupel und mit großem Ideenreichtum auf dem wuchtigen Drei-Meter-Steinway aus, dennoch vermeidet er geschickt jeden monumentalen Beethoven-Ton, an welchem Carl Philipp Emanuel, der Virtuose des In-sich-Hineinhorchens, kaum interessiert war. Auch hier gestalten die Streicher die gezackten Tonsprünge mit vielfältigen Nuancierungen der Lautstärke und der Phrasierung, um die bewundernswerte Höhe ihres historisch korrekten Spiels machen sie kaum jenen Kult, der bei Barock-Spezialensembles oft recht naseweis daherkommt.\r\n

Das “urgesunde Musikantentum” erfährt einen leichten Krampf

\r\nAls zweites Stück Bernd Alois Zimmermanns sarkastische „Rheinische Kirmestänze“ für 13 Bläser aufs Programm zu setzen, erscheint hier als eine etwas altbackene konzertdramaturgische Idee. Die falschen Töne, die Zimmermann in die Volksmusik einnagelt, haben so etwas verbissen Besserwisserisches, ohne dem Ganzen irgendeine neue Qualität zu geben. Auch Zacharias urgesundes Musikantentum, nennen wir es mal so, wirkt da ein wenig aufgesetzt und harmoniert nicht mehr so gut mit dem Geist der Konzerthaus-Bläser. Vielleicht geht Zacharias’ Vorhaben, den letzten Kirmestanz spontan noch einmal als Zugabe zu wiederholen, deshalb etwas schief.\r\n

Schumann unverbraucht

\r\nWer allerdings Christian Zacharias nach der Pause Robert Schumanns „Rheinische Symphonie“ dirigieren hört, fragt sich durchaus, weshalb dieser Mann nicht öfters an Dirigentenpulten hierzulande zu erleben ist. Selten hat man die Bezüge Schumanns zur sogenannten „Vorklassik“, sei es die des Carl Philipp Emanuel oder die des frühen Haydn, so deutlich hören können, selten ist einem der Symphoniker Schumann so unverbraucht vorgekommen. Zacharias ist ein überzeugter Rhythmiker, konturiert die einzelnen Orchestergruppen weniger über deren Klang als über Tonanfänge und rhythmische Patterns, alles scheint fokussiert nach vorne zu schießen. Christian Zacharias und Carl Philipp Emanuel Bach – das Berliner Konzertleben ist mit der Kombination dieser beiden charismatischen Musikerpersönlichkeiten um eine Prise reicher.\r\n\r\n \r\n\r\nHaben Sie schon gespendet? Dieser Blog ist auf Ihre Spende angewiesen!\r\n\r\n

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